RTV Lohmar

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Basel - Sanremo

Gut ein halbes Jahr vor dem Start der Tour stehen diesmal die Teilnehmer der Gruppe fest. Voraussetzung für eine günstige Buchung des Rückflugs, Zeit genug, Strecke und Hotels zu wählen. So stehen mit Bernd Hauptmann, Andrew Hilton, Josef Formanns, Joachim Albrecht, Otto Loster und Hans Werner Vits erstmals zwei Damen, Petra Schauka-Albrecht und Sigrid Weber, auf dem Siegburger Bahnhof, um mit dem ICE zum Startort zu fahren. 

Matthias Keltsch ist bereits mit Herbert Topel in dem mit Gepäck und Rädern beladenen Begleitwagen nach Rheinfelden unterwegs. Nach Umsteigen in Mannheim sind wir in kürzester Zeit in Basel RBB. Etwas überraschend fährt unsere Regionalbahn von Basel nach Rheinfelden in der Schweiz, nicht ins deutsche Rheinfelden. Glücklicherweise ist das Hotel dennoch fußläufig gut zu erreichen und so wandern wir wieder nach Deutschland ein.

In Basel gab es keine passenden Hotels wegen einer Kunstmesse, so wurde der Startort ins deutsche Rheinfelden verlegt, was hinsichtlich der Streckenlänge auf dasselbe herauskommt. Noch herrscht kühles und feuchtes Wetter, auch der Abend im schweizerischen Teil des Ortes geht gar nicht ohne Jacke. Dort ist noch ein Stadtfest im Gange und die malerischen Gassen sind noch belebt.

1. Etappe Rheinfelden – Yverdon-les-Bains (162 km| Ø 24,1 km/h|950 Hm)

Etwas wärmer eingepackt wird dementsprechend auch am Morgen das Rad bestiegen. Nach wenigen hundert Metern überqueren wir die alte Rheinbrücke und rollen auf schweizerischem Terrain. Das geliehene Garmin-Navi, in das ich kurz vor dem Start noch unsere Route eingespeist habe, weist uns den Weg. Das geht auch 7 Kilometer lang gut, dann ist die Straße für Radfahrer gesperrt und wir müssen den ersten Umweg über Pratteln in Kauf nehmen. Die Variante über den unbefestigten Radweg meiden wir lieber. Zunächst unbemerkt, scheint das Navi ein Eigenleben zu entwickeln und kreiert eine neue Route über einen Berg an Liestal vorbei. Eine nette Strecke, die aber schlussendlich in einer Sackgasse landet. Ähnlich geht es im weiteren Verlauf nach Waldenburg, wo das Garmin kaum eine Möglichkeit auslässt, nach links oder rechts abbiegen zu wollen. Beim nächsten Stopp schalte ich den Modus „Neu berechnen“ aus und Ruhe ist! Es geht ordentlich bergauf, die erste Bewährungsprobe, dass die Gruppe zusammenbleibt – es funktioniert! Noch bevor wir Solothurn erreichen, gibt es eine Zwangspause, denn ein Regenschauer lässt uns an einer Tankstelle Unterschlupf suchen. Nach einer Viertelstunde lässt die Nässe von oben nach und wir versorgen uns mit Feuchtigkeit durch Spritzwasser von unten. Bis Solothurn sind die Sachen wieder ziemlich trocken und wir finden auf einen Supermarktgelände ein geschütztes Plätzchen für unsere Mittagsrast, denn es ist immer noch kühl und windig. Wie schon den ganzen Tag geht es bald darauf weiter dem Wind entgegen. Hoffentlich bleibt das jetzt nicht fünf Tage lang so, denn vorne gibt es richtig Arbeit, aber auch der Rest des Feldes hat noch etwas davon, weil der Wind stetig schräg von rechts vorne kommt. Achim, und Otto, die mal eben einen Busch aufgesucht hatten, haben Mühe, wieder an das Feld heranzufahren. Am Bieler See entscheidet sich Josef, die Heimatluft aus seinem Hinterreifen zu entlassen und so kommen wir wieder zu einer kleinen Rast, direkt mit Blick über den See zum schneebedeckten Mont Blanc-Massiv. Nur vier Kilometer weiter wiederholt Andrew diese Aktion. Steinchen und Schmutz auf den Radwegen – ein Klassiker unter den Reifenpannen. 35 km vor unserem Ziel gönnen wir uns dann noch eine Rast an einem Weinberg oberhalb den Neuenburger Sees, auf deutsch Lac-du-Neuchâtel. Dank ein paar Umwegen wird die Königsetappe bereits am ersten Tag absolviert, denn als wir am Hotel im Gewerbegebiet von Yverdon einlaufen, zeigt der Tacho 162 km. Ein längerer Fußmarsch zwecks Nahrungsaufnahme in die Innenstadt bleibt uns auch nicht erspart. In einem Chinarestaurant essen wir schließlich das Buffet leer und begeben uns dann zur verdienten Nachtruhe, natürlich nicht ohne zuvor noch ein Eis bei McD vor der Hotelpforte zu nehmen. 

2. Etappe Yverdon-les-Bains – Bourg St. Pierre (140 km|Ø 21,1 km/h|2080 Hm)

In den frühen Morgenstunden lässt ein Arbeiter seine Kehrmaschine erstmal ordentlich warmlaufen, um dann unzählige Runden über den Parkplatz des Shoppingcenters zu drehen. Das erspart dem Wecker die Arbeit und alle sitzen pünktlich am Frühstückstisch. Mit Sonne in den Speichen geht es kurz darauf dem immer näher rückenden Alpenpanorama entgegen. Dabei führt auch die Hauptstraße stetig berauf. Bei Echallens begeben wir uns auf wenig befahrene Nebenwege, um Lausanne zu umgehen. Eine gute Entscheidung, denn obwohl es einige Steigungen zu bewältigen gibt, ist dies der bisher schönste Streckenabschnitt in der Schweiz. Kurvig, kleine Wälder, verwinkelte Dörfchen, und dennoch kann ich jetzt dank des Navi so sicher vorneweg fahren, als wäre es meine allwöchentliche Trainingsstrecke. Einen kurzen Verpflegungsstopp gibt es im Wald bei Chalet Boverat. Vier Kilometer vor dem Genfer See, der in knapp 400 Meter Höhe liegt, befinden wir uns noch in der 800m-Region. Demzufolge haben wir einen phantastischen Blick über See und Berge, werden uns jetzt aber auch die Bremsen heiß fahren. Das letzte Stück geht es ständig 16 % zum Seeufer hinab. Nun folgen wir der Uferstraße und rollen ganz entspannt bis Montreux. Ottos Hoffnung auf eine Eisdiele erfüllt sich nicht, aber wir machen einen kurzen Halt neben ein paar Marktständen an der Seepromenade. Nach gut 70 km tut etwas feste Nahrung gut, weshalb Herbert hinter Villeneuve im Rhônetal einen Parkplatz aufgesucht hat. Hier stärken wir uns für unsere schwierigere Nachmittagsaufgabe, denn der Berg ruft. Das Tal wird nun enger, die Berge immer höher. Nach 25 km Warmfahren bis Martigny beginnt nun der Anstieg zum Col du Grand St. Bernard. Eine Reifenpanne bei Josef nutzt Matthias, um die Damenmannschaft schon mal langsam an den Berg heranzuführen. Nach Reparatur, einem Müsliriegel und gefüllten Flaschen begibt sich der Rest des Feldes auf die Verfolgung. Die 1200 Höhenmeter nach einer Anreise von bereits gut 100 km wollen gut eingeteilt sein und bei zunächst moderater Steigung bleibt die Gruppe bei konstantem Tempo zusammen. Etwa 20 km vor dem Ziel kommen 2-3 Steigungsprozente hinzu, die Ketten wandern weiter nach links und das RTV-Peloton zieht sich weiter auseinander. Oberhalb der letzten Ortschaften sehe ich noch Matthias, der sich am Begleitwagen von unserem Sportlichen Leiter beraten lässt, überhole Sigrid und bin dann mit unserem Champion Jupp, unseren Rädern und den Bergen allein. Ich rechne immer wieder die restlichen Höhenmeter aus, aber es scheint nicht weniger zu werden, immer noch 300! Vor uns ein Dorf in Sicht, das kann aber noch nicht St. Petersburg, oder wie es hier heißt, Bourg-Saint-Pierre, sein. Lange Galerien ziehen sich durch die noch bewaldeten Hänge. Glücklicherweise herrscht wenig Verkehr und man kann zumindest versuchen, die Landschaft zu genießen. Am letzten Tunnelausgang ist Josef auf einmal nicht mehr an meinem Hinterrad, also fahre ich schon mal zum Hotel, um die ersten Getränke zu bestellen. Der letzte Kilometer geht nicht mehr ganz locker. Ich muss aufstehen, um den Krämpfen im Oberschenkel entgegenzuwirken. Wenig später trudeln Josef und kurz darauf Sigrid ein und wir nehmen erst einmal auf des Terrasse des rustikalen „Bivouac Napoleon“ unser erstes Kaltgetränk ein. Nach einer Dreiviertelstunde ist die Gruppe komplett und bereit, nach kurzer Regeneration das Abendessen einzunehmen. Das seit Sunden überfällige Eis gibt es dann auch noch als Dessert.

3. Etappe Bourg St.Pierre -Viverone (136 km|Ø 23,7 km/h|1140 Hm)

Die Sonne hat bereits die Alpenstraße für uns angewärmt und nachdem wir uns über das Frühstücksbuffet hergemacht haben, werden die Räder aus dem kleinen Fernsehzimmer hervorgeholt. Die ersten rollen schon mal los, um die nächsten 800 Höhenmeter zum zweiten Frühstück einzunehmen. Heute ist die höchste Erhebung unserer Etappenfahrt zu überwinden. Ich habe noch einiges am Auto zu sortieren, Absprache mit Herbert und muss als Letzter das Feld von hinten aufrollen. Bald nach dem Start geht es flach am Stausee Lac du Toules entlang. Auf der Schattenseite des Berghanges ist es noch etwas frisch und erst als wir die Galerien durchfahren und die Autotunneleinfahrt passiert haben, wird es automatisch warm, denn jetzt fordert auch die Steigung entsprechenden Körpereinsatz und die Sonnenstrahlen tun ihr übriges. Die schmale Straße führt jetzt durch baumloses, karges Gelände. Ein Blick auf die zurückgelegte Strecke wird in den Kurven möglich und es ist erstaunlich, wie schnell man an Höhe gewinnt. Erste Schneefelder lassen die baldige Passhöhe erahnen. Auf Bernd und Achim bin ich inzwischen aufgelaufen und wir überholen uns immer wieder gegenseitig, denn wir nutzen die vielfältigen Möglichkeiten, die Impressionen der Passstraße fotografisch einzufangen. Der Begleitwagen wartet schon auf der Passhöhe, ebenfalls Sigrid, die sich den Titel der Bergkönigin geholt hat. Trotz der Höhe von 2473m ist es angenehm temperiert, so dass wir unsere Bank ausladen und noch ein wenig den Blick ins Tal genießen. Imposant thront der Gebäudekomplex des Hospiz auf der Passhöhe. Von den einst hier gezüchteten Bernhardinern sind nur Stoffimitationen zu sehen. Auch Napoleon verfolgt uns ständig auf der geschichtsträchtigen Route. Im Jahr 1800 soll er mit 46000 Soldaten über den Pass gekommen sein – ich glaube ohne Fahrräder!  Auch wenn wir uns nur schwer von wunderschönen Ausblicken los reißen können, wird alles fotografiert und die Räder rollen zu Tal. Wir passieren die italienische Grenze und können auf der großzügig angelegten und perfekt asphaltierten Straße ordentlich laufen lassen. Eine Abfahrt, die richtig Spaß macht! Etwa 1900 m geht es nach Aosta hinunter, das Ganze auf 35 km. Im unteren bewaldeten Teilstück wird die Strasse etwas schlechter und in den ersten Ortschaften sortieren wir die Gruppe erst einmal wieder zusammen. Dichter Verkehr in Aosta erschwert die Durchfahrt der Stadt und wir haben Mühe, die Gruppe beieinander zu halten. Durch ein Missverständnis verlieren wir den Begleitwagen an einer Tankstelle. Herbert hat zwar den Streckenplan, aber keine Ahnung, wo wir abgeblieben sind. Per Telefon lotse ich ihn ins Dörfchen Nus, wo wir eine Pizzeria heimgesucht haben, die scheint’s nicht auf Mittagsgäste gerichtet ist. Gnädigerweise macht man uns dennoch einen Teller Nudeln, die den etwas geplünderten Kalorienhaushalt wieder in Ordnung bringen. Berge haben wir nicht mehr zu erwarten, aber noch 80 km liegen vor uns. Berge von Nudeln sind das auch nicht gerade und wir schwingen uns wieder aufs Rad, mit dem Ziel, zum Nachtisch noch eine Eisdiele aufzusuchen. Der Zeitplan wird das heute locker erlauben. Der Begleitwagen ist seit dem Mittagessen verschollen und auch Telefonkontakt ist nicht möglich. So stoppen wir am Forte di Bard, einer Festungsanlage, die den Engpass zum Val d’Aosta bewacht. An einem Brunnen füllen wir unsere Trinkflaschen auf und fahren dann in den nächsten Ort Pont Saint Martin hinein, wo uns am Marktplatz die Beschriftung „Gelateria“ ins Auge springt. Ziemlich spartanisch finden wir Platz auf dem Balkon, Eis gibt’s nur im Pappbecher, aber es schmeckt! Der Wind, der uns im Aostatal das Leben schwer gemacht hat, lässt auf der weiteren Fahrt Richtung Süden nach. In Ivrea wechseln wir nochmals die Richtung nach Osten und finden uns bald auf einer 8 km langen Geraden wieder, die uns schnurstracks zum Zielort am Lago di Viverone führt. Nochmal eine Rampe hinauf und auf Kopfsteinpflaster hinunter zum Hotel am See. Auf der Holperstecke beobachte ich, wie sich der Hebel des Schnellspanners am Vorderrad immer weiter nach unter bewegt. Unten angekommen, kann ich fast das Rad rausziehen – oh, oh, das ist ja gerade noch mal gut gegangen! Herbert sitzt bereits hinter einem Bier und erzählt, dass er Opfer der Supermarktöffnungszeiten geworden ist. Die wollten einfach nicht die Mittagspause für ihn verkürzen, diese Italiener! Eine schnelle Rund im kalten Pool und dann über die Uferstraße zum Speisesaal des Hotels, der in den See hineingebaut ist. Bei mehrgängigen leckeren Abendessen und Wein genießen alle den traumhaften Blick über das bewegungslose Wasser unter der untergehenden Sonne.

4. Etappe Viverone – Ceva (160 km|Ø 28,2 km/h|890 Hm)

Die Sonne scheint uns auch zum Frühstück, dann lassen dunkle Wolken erahnen, dass uns Regen droht. Kurz vor dem Start wird dementsprechend auch die Straße angefeuchtet, aber das Wetter scheint zunächst zu halten. Durch eine kleine Unaufmerksamkeit fahren wir erstmal durch Alice Castello, ein urig altes Städtchen, dann landen wir wieder auf der endlos langen strada provinciale. Heute bleibt es flach, weitgehend jedenfalls! Immer wieder drohen dunkle Wolken, ihren Regen über uns auszuschütten. Trocken kommen wie über den Po, den wir bei Chivasso überqueren und bevor wir einen Höhenzug zu überwinden haben, um Turin zu umgehen, kommt der erste Schauer. In Gassino Torinese stellen wir uns ein paar Minuten vor dem Schaufenster eines Eisenwarenladens vor Heckenscheren und Kettensägen unter. Schon bald geht es weiter, und zwar über den Sella de la Rezza. Wieder reißt das Feld etwas auseinander. Mit Josef und Otto, der nach eigener Aussage keinen Berg hochkommt, nähere ich mich der 400m-Marke auf der Kuppe. Auf seine angebliche „Bergschwäche“ angesprochen meint Otto: „Ja, ich kann jetzt auch nicht mehr!“ Spricht’s und sprintet an uns vorbei, zieht in gewohnter Manier auf der Anhöhe seine Kamera hervor, um seine Verfolger abzulichten. Die endlose Ebene hat uns wieder und es rollt gut, so dass es uns noch gar nicht nach einer Pause gelüstet. Sigrid drängt es immer wieder zur Führungsarbeit nach vorne, sie zieht immer wieder die Gruppe, scheint in ihrem Element zu sein und verdient sich heute ihr Abendessen! Um nicht bereits zum Mittagessen am Hotel zu sein, entschließen wir uns auf halber Strecke nach 80km zu einer Rast an einem Maisfeld.

Bald nach unserer Pause ziehen wieder dunkle Wolken auf und verfolgen uns fortan. Ein Ansporn, weiterhin das Tempo hoch zu halten. Flach und wenig abwechslungsreich ist der Streckenverlauf durch die Poebene, so dass es über die Landschaft wenig zu berichten gibt. Die Flucht vor dem Regen gelingt uns auch beinahe, allerdings gilt es vor dem Ziel noch einen Anstieg von 200 m Höhe zu bewältigen und die Wolken holen uns ein. Auf der Höhe angelangt, ergießt sich vier Kilometer vor dem Ziel der Regen über uns. Unter einer Brücke suchen wir für ein paar Minuten Unterschlupf, um dem Gröbsten zu entgehen. Etwas durchfeuchtet erreichen wir nach einem Schlussanstieg das Hotel.

Die Räder finden im Sitzungssaal ihren Schlafplatz. Zunächst sind Hotel und Parkplatz leer, am Abend füllt sich der Speisesaal zusehends, offenbar überwiegend Truckfahrer, die von der gegenüberliegenden Autobahnausfahrt kommend, ihren Lastzug auf dem Hof über Nacht geparkt haben. Der Kellner und Chef bietet an jedem Tisch mit Leib und Seele lautstark die Speiseauswahl an: „Ragazzi, volete la pasta, tortellini, maccheroni, tagliatelle...” Der Koch folgt ihm mit dem Servierwagen und über zahlreiche Nudelvarianten, Gemüse, Fisch bis hin zum halben Schwein wird aufgefahren, was die Küche hergibt.  Teile des üppigen Abendessens müssen sofort wieder verbrannt werden und so machen wir noch eine Wanderung in den im Tal liegenden Stadtkern. Ein lohnender Ausflug! Was von oben wie eine zerfallene Geisterstadt aussieht, entpuppt sich als pittoreske Altstadt. Der Anstieg zum Hotel und ein Bier sorgen letztendlich für die nötige Bettschwere.

5. Etappe Ceva -Ventimiglia (140 km|Ø 24,7 km/h|1250 Hm)

Bewölkt beginnt unsere letzte Etappe und wir haben gut 20 leicht ansteigende Kilometer, um uns warm zu fahren. Dann wartet dort der letzte ernsthafte Anstieg zum Colle San Bernardo. Etwa 400 Meter geht es hinauf und Petra zieht aus übergroßem Respekt den Begleitwagen zur Auffahrt vor. So kann sie wenigstens auf dem Gipfel Fotos von den restlichen Protagonisten machen. Wie immer bei solchen Steigungen zerreißt die Gruppe und mit Otto am Hinterrad kurbele ich hinauf. Meine Tempoverschärfung schafft mir 50 Meter Vorsprung, kurz darauf ist Otto wieder da, er hat sich auf das Spielchen eingelassen und jagt mich jetzt zur Passhöhe hinauf. Ich kann es ja auch nicht sein lassen J Fotostopp auf der Bergkuppe, nach allen Seiten nochmal runterschauen, dann gehts mit mit Regenjacke hinunter, denn es ist jetzt recht frisch. 900 Höhenmeter Abfahrt bis zum Mittelmeer! Auf halber Höhe Zwischenstopp, Jacken aus und weiter. Wälder, Schluchten, Bergdörfer bieten was fürs Auge, aber die kurvige Strecke fordert Konzentration. Der Verkehr wird nun dichter und bei Albenga erreichen wir das Mittelmeeer, das wir beim Verlassen des Küstenortes erstmals zu Gesicht bekommen. Herbert hat bei Alassio auf der linken Seite einen Rastplatz gefunden, wir rauschen aber alle vorbei, ohne ihn wahrzunehmen. In den Städten herrscht Trubel und Unruhe und man hat Augen zu wenig. Endlich nach einem Bergaufstück auf dem Capo Mimosa machen wir einen kleinen Parkplatz aus, wo wir uns zur Mittagszeit noch einmal stärken wollen. Nun geht es auf nach Sanremo, allerdings mit einer kleinen Einlage, denn das berühmt, berüchtigte Poggio, wo so oft die Entscheidung des Rennens Mailand-Sanremo fällt, wollen wir nicht auslassen. Petra und Otto bleiben auf der Küstenstrasse, während wir in zügiger Fahrt dem Bergdorf entgegensteuern. Offenbar wird in manchem nochmal der Kampfgeist geweckt, denn während ich beim Fahren noch ein paar Fotos schieße und in der Dorfmitte auf der Originalstrecke scharf nach links abbiegen will, streben die ersten vier weiter bergan und sind trotz Rufens nicht zur Umkehr zu bewegen. Sigrid und Matthias merken nach einiger Zeit, dass hier etwas nicht stimmt und finden sich bald darauf wieder in Poggio ein, wo inzwischen der Rest der Truppe wartet. Verschollen bleiben Josef und Joachim, die auch auf Anrufe per Handy nicht reagieren. Später, viel später erfahren wir die Geschichte, dass Josef auch glaubte, auf der falschen Straße zu sein, aber hinter sich seinen Verfolger sah, der ihn nicht einholen sollte. Deshalb konnte er auch nicht telefonieren. Joachim glaubte, der alte Rennfahrer wird wohl wissen, wo’s lang geht und jagte ihm hinterher. Die Straße führte weit in abgelegene Bergdörfer und eine Verfolgung der beiden machte keinen Sinn. Also rollen wir wieder zur Küste hinunter, wo wir Petra den Verlust ihres Ehemannes beichten müssen. Gemeinsam fahren wir ins nahe Sanremo, wo wir erst einmal in einer Eisdiele auf die Nachzügler warten wollen. Vergeblich! Also begeben wir uns wieder ins städtische Getümmel und rollen gen Ventimiglia. Im Gewusel von Rollern, Autos und Fußgängern schlägt zu allem Überfluss noch ein unachtsamer Parker seine Fahrertür gegen Bernd’s Hand. Außer der blutigen Faust hat es aber keine Folgen. Nach etwa 740 km Gesamtstrecke fahren wir am Hotel Provenza vor, checken ein und parken die Räder im Hotelbüro. Immer noch mit reduzierter Mannschaft suchen wir ein Restaurant für unser Abendmahl, reservieren einen Tisch in einer Pizzeria und kurz bevor wir losmarschieren wollen, treffen die beiden Abtrünnigen ein. Beim Essen hören wir die haarsträubende Story von ihrer Extratour durch die Seealpen.

Rundfahrt La Turbie –Beaulieu-s-M. - Monaco (84 km|Ø 20,5 km/h|980 Hm)

Die Etappenfahrt ist bewältigt und wir haben uns einen Ruhetag verdient, den wir natürlich auf dem Rad verbringen. Die Tour findet ohne Begleitwagen statt und so kann Herbert sich den ganzen Tag von uns erholen, Allerdings geht es auf eine ganz entspannte Rundfahrt zu den Highlights der Côte d’Azur. Bei Menton verlassen wir die Küste und klettern noch einmal nach La Turbie in die Berge. Die moderat steigende Straße bietet zahlreiche Aussichtsmöglichkeiten über die Buchten bis hin nach Monte Carlo. Auf der Höhe von La Turbie folgenden wir der Grand Corniche, die auch als berühmteste Panoramastraße der Welt bezeichnet wird, nicht zuletzt, weil hier James-Bond-Verfolgungsjagden zu “Golden Eye” gedreht wurden. Die Ausblicke nach Passieren des Col d’Éze auf Cap Ferrat und das Bergdorf Éze-Village sind einfach traumhaft. Wir rollen steil hinunter auf die Moyenne Corniche, verzichten aber auf den Besuch von Éze-Village, da es unser Schuhwerk nicht erlaubt und das Mitführen der Räder auf den bergigen Gässchen lästig wäre. Nach ein paar Tunnels kurven wir hinunter bis an den Ortseingang Nizza, machen einen 130°-Turn und landen in Villefranche-sur-Mer. Es fällt schwer, sich von dem Blick über den Badestrand, die farbigen Häuser, die bunten Gärten und die Yachten vor Cap Ferrat loszureissen. Nur das in Aussicht gestellte Mittagessen im nächsten Ort lässt uns noch mal kurz in die Pedale treten. Am Yachthafen von Beaulieu-sur-Mer lassen wir uns dann in einem der zahlzeichen Restaurants nieder und gönnen uns einen Mittagsimbiss. Monaco erwartet uns noch zu einer Stadtrundfahrt, also geht es bald weiter. Von rot-weißen Fähnchen gespickt ist der Zwergstaat (nicht etwa, weil der FC hier ein Auswärtsspiel hätte). Eine Woche vor der Fürstenhochzeit ist alles noch mehr herausgeputzt, als es hier ohnehin schon ist. Zunächst fahren wir auf den Schloßfelsen hinauf, doch die engen Gassen sind dermassen von Touristen überfüllt, dass wir uns darauf beschränken, das Panorama der Häuserschluchten, des Hafens und der teuren Schiffe auf uns wirken zu lassen. Auf der Grand-Prix-Strecke setzen wir dann unsere Fahrt fort. Von St. Dévote hinauf zum Casino staunen wir nicht schlecht über die ordentliche Steigung. Vor dem Café de Paris, dem Casino und dem Hôtel de Paris, wo  der Verkehrsstau aus Maseratis und Ferraris besteht, scheinen wir im Epizentrum des Reichtums angelangt zu sein. Ein wenig deplaziert scheinen wir hier mit unseren Rennrädern zu sein. Hinunter über die Mirabeau und die Haarnadelkurve verlassen wir das Fürstentum und gelangen zwischen einigen Häuserblocks wieder auf die höhergelegene Straße nach Roquebrune. In Menton lassen wir uns am Boulevard noch an einer Gelateria nieder. Die sommerliche Hitze bewegt einige zu einem Fuß- bzw. Vollbad (Bernd in voller Montur) im Mittelmeer. Nach Rückkehr am Nachmittag haben die meisten das Bad im Meer und in der Sonne ohnehin auf ihrem persönlichen Programm, bevor es wieder in unsere Stammpizzeria geht. Den späten Abend beschließen wir schließlich mit einem korsischen “bière blanche” unter mediterranem Himmel.

Die Räder haben wir bereits am Vortag verpackt und verzurrt und mit dem restlichen Reisegepäck versehen verabschieden wir den Transporter mit Herbert und seinem Begleitfahrer Matthias. Nach dem Frühstück begeben sie sich auf die Heimfahrt über Mailand, den Gotthard-Pass und durch die Schweiz in Richtung Basel. Wir haben noch bis Mittag Zeit, um unseren Zug nach Nizza zu besteigen und können gemütlich durch die bunten Markthallen von Ventimiglia schlendern. Noch einmal geht es an der Côte d’Azur entlang, allerdings durch das komplett untertunnelte Monaco. Ein kurzer Fußmarsch ohne Gepäck zum Airport, bald darauf sitzen wir im Flieger und das Basel-Sanremo-Event ist zu Ende!

Lohmar, im Oktober 2011 © Hans Werner Vits

 

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