Die Bemerkung auf der Tour nach Innsbruck „Lasst uns doch mal richtig in die Berge fahren“ hatte ich im Hinterkopf abgespeichert und bei der Präsentation der Tourenmöglichkeiten im Winter neben einigen anderen bergigen Strecken auch die französischen Pässe vorgeschlagen.
Im Traum hätte ich nicht daran gedacht, solche Zustimmung für diesen Vorschlag zu finden – fast hätte man sich um die Teilnehmerplätze geschlagen. Um unseren Begleitfahrer Herbert Topel scharen sich Sepp Rausch, Dieter Engelbertz, Wolfgang Schreiber, Bernd Haupt-mann, Florian und Wolfgang Walden, Georg Timmering und Hans Werner Vits. Als mutige Frau wagt auch Edith Hartmann den Alpentrip. Während der Vorbereitungsphase gesellen sich unsere früheren Reisebegleiter Josef Formanns* (kurz: Jupp) und Uwe Becker, der seinen Freund Ralf Kuritschenko (kurz: Russe) mitbringt, zu uns.
*(wir sind stolz auf die Begleitung durch den amtierende UCI-Senioren-Weltmeister!)
Anreise – 2.7.05
Uwe Becker hat mal wieder einen tollen Job gemacht – zwei Fahrzeuge der Ford-Werke stehen am Donrather Dreieck, geziert mit eigens angefertigten Aufklebern „Les Grands Cols“. Zusammen mit Dieters Toyota rollt der Konvoi auf die Autobahn in Richtung Süden. Bernd ist bereits mit dem Motorrad vorausgereist und auch Uwe und Jupp sind schon auf dem Weg nach Frankreich. Die Anreise verläuft problemlos, wenn wir von den Launen der Dame im Navigationssystem absehen. Sie beschert uns eine Stadtrundfahrt durch Genf und hat offenbar ein Faible für die Innenstadt von Annecy. Mit vereinten Kräften können wir sie schließlich dazu bewegen, uns eine neue Route zu berechnen und an das gewünschte Ziel zu führen. In La Chambre werden wir herzlich von den Vorausgereisten im Hotel empfangen. Madame hat uns ein kräftiges Nudelgericht gekocht und nach dem letzten Glas Vin rouge macht Uwe Becker Bescherung: T-Shirts, Mützen, Regenjacken sponsered by Ford werden als neue Ausrüstungsgegenstände übereignet. Nur die Nacht und die (Alb)-Träume von den großen Bergen trennen uns jetzt noch von der realen Tour der Freuden und Leiden.
La Chambre - 3.7.05
Madeleine liegt in der Morgensonne und vom spärlich bestückten Frühstückstisch aus können wir die Strasse hinaufschauen, die wir gleich unter die Räder nehmen werden. Bald darauf gleicht La Chambre einem Startort für ein Einzelzeitfahren. Während Dieter noch mit der optimalen Positionierung seiner „Rangiertüte“ im Begleitwagen beschäftigt ist, rasen im Ort einzelne RTVer von einem Kreisverkehr zum anderen hin und her, um sich die Beine warm zu fahren. Schließlich beginnt unmittelbar gegenüber des Hotels die Steigung zum Pass. Punkt neun Uhr rollt das Feld. Bernd hat am Vortag bereits die Strecke präpariert und mit der Aufschrift „Morgen Lohmar“ werden wir von der Passstrasse begrüßt. Auf halber Höhe lassen wir uns von Herbert mit den ersten Bananen versorgen und kurz darauf ist der Skiort St. François Longchamp passiert. In der nunmehr baumfreien Zone erwischt uns jetzt die Sonne und mit mehr oder weniger heiß gefahrenen Köpfen erreichen wir den 2000 m hohen Gipfel des Col de la Madeleine, nachdem wir kurz zuvor die etwas versprengte Gruppe bei einem Stopp wieder komplettiert haben. Erstmals üben wir das Fotoshooting an der Hinweistafel auf der Passhöhe – eine Prozedur, die sich in den nächsten Tagen mehrfach wiederholen soll. Mit herrlichem Ausblick auf den Mont Blanc verlassen wir die Höhe und stürzen uns auf dem schmalen Sträßchen zu Tal. Bei La Thuile merke ich, dass mir niemand mehr folgt und stoppe an der Stelle, wo eigentlich unsere Route abzweigen soll. Mit Felsbrocken übersät ist diese Straße jedoch gesperrt. Da sehe ich hundert Meter über mir unsere Radler, die gerade einen Reifen abziehen. Uwe hat sich einen 20 cm langen Riss im Schlauch zugezogen – zum Glück der einzige Defekt unserer Tour. Über die bewaldete Abfahrt gelangen wir auf einem Umweg in das Tal der Isère. Es ist Zeit für eine Mittagspause und es wird schwierig, alle Teilnehmer im Schatten unterzubringen. Schatten gibt es fortan ohnehin nicht mehr, denn das von Moûtiers aus ansteigende Tal liegt prall in der Sonne. Auf autobahnähnlicher Straße hat man die Radfahrer, die in die Berge möchten, nicht vergessen und hat ihnen eine Radspur auf den Asphalt gemalt. Ein 1600 m langer Tunnel bietet uns eine minimale Abkühlung. Immer tiefer liegt nun die Isère rechts unter uns. Bei 35 ° C erreichen wir den Knotenpunkt Bourg-St.Maurice, an dem mehrere Pässe aufeinander treffen. Wir sammeln die in zwei Gruppen zerfallene Mannschaft wieder ein und befassen uns nun mit dem ernsthaften Passeinstieg, der uns bei Saint-Foy seinen wahren Charakter offenbart. Nun ist sowieso nichts mehr mit Gruppenfahrt, denn bis zu 10 % fordern ob der Hitze und der schon verbrauchten Kräfte noch einmal alles. Obwohl die Beine nach über 3000 Höhenmetern längst hohl gefahren sind und eigentlich an der Staumauer des Lac du Chevril die Höhe erreicht ist, erlaube ich mir noch einen Fauxpas und führe die letzten vier Mann in die vermeintliche Straße zum Hotel. Nach ein paar Kehren können wir auf das Hotel und unsere bereits angekommenen Kameraden hinunterschauen. Tut mir Leid für die ohnehin angeschlagenen Kollegen! Über den Abend kann ich nichts mehr berichten, denn bereits vor dem Abendessen konnte mich die Gruppe mit Sonnenstich als Totalausfall verbuchen.
Val d’Isère - 4.7.05
Nachdem für französische Verhältnisse umfangreichen Frühstück begeben wir uns durch die restlichen Tunnels am Seeufer hinauf nach Val d’Isère. Bruchsteinbauten moderner Architektur konkurrieren mit den Bausünden der 60er Jahre, den riesigen Hotelwürfeln, die dem Ort wenig Charme verleihen. Dann sind wir der Natur überlassen und radeln ruhig das Tal der jungen Isère hinauf, bis an der Pont St.Charles das Bächlein überquert wird. Bevor hier der Neigungswinkel etwas unangenehmer wird, sammelt sich das Peloton noch einmal. Mit röhrenden Moto-ren brausen ein paar alte Bugatti-Rennwagen den Berg hinauf und verwandeln die Bergwelt in eine historische Szenerie. Wir bemühen uns weiterhin, mit Muskelkraft unser Ziel, den höchsten europäischen Pass, zu erreichen. Holztafeln mit Entfernung und Prozentangaben informieren den Radfahrer an jedem weiteren Kilometer. Mit gleichmäßigem Tritt ist dieser Pass recht angenehm zu befahren, fordert aber wegen des enormen Höhenunter-schiedes (von Moûtiers aus 2291 Höhenmeter) eine große Ausdauer. Mein Ausfall beim Abendessen macht sich jetzt kräftemäßig bemerkbar. Windig, kühl und karg erwarten uns die letzten Kehren vor dem Scheitelpunkt. Für einen langen Aufenthalt sind die Temperaturen wenig einladend. Wir sind nicht die einzigen Radsportler, die sich auf die 2.770m in die dünne Luft hinaufgearbeitet haben. Auch andere sind mit Begleitwagen unterwegs. Fatal allerdings für den Fahrer, wenn seine Gruppe mit dem Autoschlüssel zu Tal gefahren ist. Verzweifelt bittet er uns um Hilfe. Irgendwo da unten muss Ingo mit dem Schlüssel sein. Wir absolvieren unsere Passfotos und fahren windwesten- und regenjackenbewehrt zu Tal. Ein Horrortrip für Herbert, denn die schmale Straße ohne Seitenbe-festigung gewährt ihm den Blick in eine atemberaubende Tiefe. Während er noch mit einem entgegenkommenden Laster zu kämpfen hat, treten bei uns ganz andere Probleme auf. Die schnelle Abfahrt fordert hohe Konzentration und wenn sich dann der Steuerkopf löst, ist das Rad kaum noch beherrschbar. An Wolfgang Waldens Rad, das vor kurzem komplett neu montiert wurde, scheint dieser Defekt aufgetreten zu sein. Bei fachkundiger in Au-genscheinnahme ist jedoch nichts festzustellen. Am Ende der Abfahrt treffen wir Ingo mit herausgestrecktem Daumen in Richtung Isèran winkend. Super, Ingo! In Bonneval beschliessen wir, unsere Rast einzulegen, doch zum Tischdecken kommt es nicht, weil über dem Tal ein Gewitter heranzuziehen scheint. In unmittelbarer Nähe findet sich eine Pizzeria und mit der Markise über dem Kopf nehmen wir einen Teller Teigwaren zu uns. Dem gröbsten Regen können wir auf diese Weise entkommen, doch auf nasser Straße und leichtem Nieseln müssen wir die nächsten Kilometer abreißen. Weißer Schaum auf den Pfützen deutet auf den ersten Regen nach langer Zeit hin. Nur dank meiner geschickt angebrachten Satteltasche, die den Wasserstrahl vom Hinterrad direkt in das Gesicht des Verfolgers lenkt, gelingt es mir, meine Mitstreiter abzuschütteln und als erster die Passhöhe des Col de la Madeleine zu erreichen. Nur namentlich ein Déja-vu-Erlebnis, denn dieser Pass weist aus unserer Richtung lediglich 68 Höhenmeter auf. Dann aber geht es noch mal 300 Meter zu Tal und in Lanslevillard kann die eigentli-che Abfahrt vom Isèran für beendet erklärt werden. Zwar weist die Straße immer noch Gefälle auf, das sich aber mit dem Gegenwind die Waage hält. Überraschung bei Avrieux: Baustelle, Straße zu, Umleitung! Einzige Aus-weichmöglichkeit ist ein Weg, der steil aus dem Tal in zwei hoch gelegene Bergdörfer führt. Im Wiegetritt wird dieser außerplanmäßige Ausflug in die Bergwelt weggedrückt, bevor mit den Städten Modane und St. Michel-de-Maurienne die letzten Talstationen erreicht werden. Die letzte Großtat des Tages wartet am Col du Télégraph auf uns. Mit gleichmäßigen Pleuelbewegungen treiben wir die Räder über die konstante Steigung hinauf. Ungewollt kann ich mich ein wenig von der Gruppe absetzen, bis auf halber Höhe der Weltmeister mit drei Leuten im Schlepp angestiefelt kommt. Inzwischen hat Regen eingesetzt und Jupp und Russe ziehen allmählich davon. Georg und Sepp weichen fortan nicht mehr von meinem Hinterrad und setzen mich moralisch unter Druck, das angeschlagene Tempo beizubehalten. Die Wolken werden immer dichter und lassen nur mehr 30 Meter Sicht zu, der Regen wird heftiger, es beginnt zu blitzen und donnern. Von den anderen ist nichts mehr zu sehen. Erst auf der Passhöhe, die wir viel zu schnell erreichen - denn umso länger ist die Wartezeit in der Kälte - sammeln sich ein paar Mann und kauern sich an die windgeschützte Informationstafel, bis der Wagen endlich eintrifft. Für die nur noch 6 Kilometer gönnen wir uns noch eine Regenjacke, denn die Abfahrt ist kalt und nass. Die drei Vorausge-preschten können uns dabei aus der mittlerweile beschlagenen Telefonzelle, in die sie geflüchtet sind, nicht sehen und folgen erst einige Zeit später. Das warme Wannenbad wirkt Wunder und in der Pizzeria gegenüber dem Hotel schmeckt das Abendessen wieder.
Valloire - 5.7.05
Hotelgarage und Vorplatz werden zum Fahrerlager umfunktioniert und die von der Regenfahrt arg mitgenomme-nen Räder werden zerlegt, geputzt und geschmiert. Mangels eigener Mechaniker sind die Stars selbst am Werk. Mit Sonne in den Speichen verlassen wir Valloire, um direkt in die Rampen des Galibier einzusteigen. Durch letz-tes Grün steigen wir bis zum Plan Lachat hinauf, um dort die Richtung zum Alpenübergang zu ändern. In steilen Serpentinen windet sich die Straße auf ein Hochplateau, verliert dort jedoch nicht wesentlich an Neigungswinkel. Es ist überwiegend die immer frostiger werdende Temperatur, die den Aufstieg erschwert. Dankbar nehme ich heißen Tee aus dem Wagen an, doch auch das hilft nur kurzzeitig. Lähmende Kälte umklammert die Muskulatur, die an liebsten ihre Arbeit einstellen möchte. Es wird noch einige Tage dauern, bis ich die Alpen wieder lieben werde. Der Tunneleingang wird von den inzwischen zersplitterten Grüppchen erreicht und nur noch einige Ser-pentinen trennen uns vom Kulminationspunkt des gewaltigen Passes, der uns eine unbeschreibliche Aussicht gewährt. Allerdings muss der Aufenthalt im Freien mit Temperaturen von 2° C erkauft werden – der Wind lässt die gefühlte Kälte auf –10° C sinken. So ist es nicht verwunderlich, dass sich die halbe Mannschaft zwischen Koffern und Lebensmitteln im Laderaum des Transit verbarrikadiert. Mit Winterausrüstung versehen postieren wir uns – bei strahlendem Sonnenschein – am Schild „Col du Galibier Alt. 2645m“. Dann folgt der Sturzflug erstmal bis zum Denkmal von Henri Desgranges (Begründer der Tour de France) und weiter hinab durch das Kurvenlabyrinth bis zum Col du Lauratet, dessen Scheitelpunkt wir von oben herab erreichen. Diesmal hat die Hälfte der Teilnehmer mit den ominösen temporären Steuerkopfproblemen zu kämpfen, die nun eindeutig der Kälte zuzuschreiben sind. Schlotternde Fahrer schaukeln ihre Räder auf und nur langsam ist die Abfahrt zu meistern. Als letztes Kälteopfer kommt Herbert mit dem Transit vom Pass. Übelst rauchend scheint der neue Wagen seinem Ende nahe zu sein. Fachkundig trägt jeder mit seiner Diagnose an der offenen Motorhaube zur Problemlösung bei – nicht ohne sich an den Kühlwasserschläuchen die Hände zu wärmen! Nach Ende des Schubbetriebs und wieder zweistelliger positiver Temperatur regelt sich das Problem schließlich von selbst. Die großzügigen Kurven auf der gut ausge-bauten Abfahrt vom Lautaret lassen eine zügige Fahrt zu und während verschiedene aerodynamische Positionen auf dem Rad ausprobiert werden, liefern wir uns noch einen Rennen mit einigen Quads, die an ihrem Speed-Limit zu Tal fahren. Angesichts des noch zu fahrenden Passes beschließen wir, in Chantemerle eine Runde Spaghetti aus der Mannschaftkasse zu vertilgen – wertvolle Kalorien, die wir noch brauchen sollten. Unter der Rubrik „Tour-Kultur“ dirigiere ich das Peloton in die hoch gelegene Altstadt von Briançon, lasse alle in die pittoreske „Grand Rue“ hinunterschauen, erzähle was von der höchsten Stadt Europas. Unter dem Aspekt, dass wir jetzt wieder hinunterfahren müssen, finden das wohl nicht alle so toll. Egal – wir haben den Anstieg überlebt und befassen uns nun wieder mit handfesten Pass-Straßen, nachdem wir dem Trubel der Stadt, in der schon ein Hauch von Tour-de-France zu spüren ist, entflohen sind. Mit wenigen Kurbelumdrehungen in einem kurzen Steilstück hat die Natur uns wieder. Nach mehrmaligem Auf und Ab beginnt ernsthaft der Col d’Izoard bei Cervières. Die Straße verschwindet in den Kiefernwäldern, durch die sich das glatt gebügelte, neue Asphaltband hinauf windet. Als sich die Bäume neben der Strecke zurückziehen, sind scheinbar die Nudeln verbrannt. Der Tritt wird schwerer und nur die unglaublich bizarren Berghänge rund um das Réfuge Napoleon lenken von den müde werdenden Beinen ab. Ein paar Schleifen unterhalb der Passhöhe noch, jeweils mit kurzem Fotostopp, dann ist auch der Izoard erklom-men. Nach dem Vertilgen einer Bananenstaude begeben wir uns zum Gruppenfoto an die Stele zum Gedenken an die Errichtung der Route des Alpes. Eine kurze Fahrt bis zum nächsten Denkmal an der in einer Mulde gelegenen Casse Desèrte. Hier wird an Fausto Coppi und Louison Bobet gedacht – ein Foto mit unserem Champion ist obligatorisch. Kratergleich umgeben uns hier die Geröllhalden, aus denen schroffe Felsnadeln in den Himmel ragen. Eine phantastische Mondlandschaft! Dass wir noch auf der Erde sind, beweist die Anziehungskraft beim letztmaligen Anstieg aus der Casse Desèrte, von wo aus die lange Gefällstrecke 1300 Meter hinunter führt. Zu-nächst schmal und mit Split in den Kurven und später fast gerade, erlaubt die Straße schließlich ein Höllentempo. In den zu durchquerenden Dörfern wird aus Respekt vor unvorhersehbar auftauchenden Bewohnern halbwegs auf Tempo 50 runtergebremst. In Anbetracht der fortgeschrittenen Tageszeit liegt die Schlucht Combe de Queyras kühl im Schatten und wir streben sehnsüchtig dem Ziel Guillestre, das noch im sonnigen Talkessel liegt, entgegen.
Guillestre - 6.7.05
Die höchsten Pässe sind überwunden und voller Tatendrang wartet das Peloton im sonnigen Guillestre auf das Startzeichen für den vierten Streich. Kurz darauf rollt die Gruppe über die verkehrsreiche N 94 entlang der Durance. Fast mediterran wirkt zunächst das Tal, aus dem sich schließlich bei Argentière die Straße in einer ele-ganten Schleife auf den Belvedère de Pelvoux hinaufschwingt. Wir nutzen den Aussichtspunkt zum Verzehr erster Bananen und pedalieren dem bereits bekannten Briançon entgegen. Diesmal lassen wir die Altstadt rechterhand liegen und fahren direkt bis Chantemerle, wo wir tags zuvor eingekehrt sind. Auf einem Parkplatz wird das zweite Frühstück abgehalten, während Dieter ungebremst durchfährt, um sich für den Lautaret-Anstieg einen Vorsprung zu verschaffen. Auf unserer späteren Verfolgungsfahrt sammeln sich zusehends Wolken an den Bergen und schließlich beginnt es zu regnen. In Fenster- und Türvorsprünge eines einsamen Hauses gekauert ordern wir einen Satz Regenbekleidung bei Herbert, der auch wenige Minuten später die Lieferung bringt. Entsprechend gekleidet können wir nun den Rest des recht leicht zu fahrenden Passes bewältigen. Trotz der frischen Temperaturen auf dem 2000er bauen wir unser Büffet auf, um uns im Angesicht des Meije-Gletschers für die Weiterfahrt zustärken. Herbert hat dazu einen Barpianisten mit Sängerin (wenn auch nur auf CD) bestellt. Einige ziehen unterdes die warme Stube des Restaurants vor. Dem Berg folgt logischerweise wieder ein Tal und es geht hinunter nach La Grave. Höhepunkte des immer enger werdenden Tales sind der Meije-Gletscher, der Wasserfall „Cascade de la Pisse“, der einen kräftigen Strahl in die Tiefe ergießt und schließlich der Stausee Lac du Chambon. Dann wird das Tal endgültig zur Schlucht, die in ihrer Dimension und Schroffheit die gestern durchquerte Combe du Queyras noch übertrifft. Am Ende der Klamm liegt die Straße wie ein flaches Band im Romanche-Tal – für uns die Ruhe vor dem Sturm. Was für einige Höhepunkt der Tour ist, soll zum Schluss dieser Etappe folgen. Es ist die Auffahrt zu unserem Hotel! Würde dies nicht in Alpe d’Huez liegen, wäre die Etappenbeschreibung um eine spektakuläre Pointe ärmer. Bei immer stärker werdendem Regen sammeln wir uns in einem Zelt, das am Fuße der Bergstraße für uns aufgebaut zu sein scheint. Nach längerer Wartezeit wagen wir den Start. Wir sind bei weitem nicht die einzigen Verrückten, die bei diesem miesen Wetter mit dem Vélo zu Berg fahren. Regenbäche plätschern über den Asphalt, während wir uns bemühen, die steile Rampe bis über die erste Felsklippe hinauf zu schwingen. Während die ersten Kehren vor La Grave nicht nummeriert sind, steht nun an jeder Haarnadelkurve ein Schild. Zunächst komme ich mit dem Zählen durcheinander; jedenfalls ist das Zahlenspiel eine nette Ablenkung von den immer schwerer werdenden Beinen, deren einzige Chance, zum Zielort zu kommen, ist, immer weiter zu treten. Nach dem Beginn mit 14 % hat sich der Steigungswinkel auf 8 – 9 % eingependelt, was die Sache nicht nennenswert angenehmer macht. Bei den Schildern mit Höhenangaben wird gegenwärtig, dass unser „Hotelberg“ immerhin über 1100 Meter hoch ist. Der alte Ort Huez ist passiert und versprengt in Paare und in Einzelfahrer erreichen wir die einstelligen Nummern der Serpentinen. Recht betrüblich ist die Aussicht zum gegenüberliegenden Bergmassiv, vor dem einige Wolkenwürste hängen, die immer noch damit beschäftigt sind, sich abzuregnen. In Kurve 2 wird jeder Radler professionell fotografiert und kriegt ein Kärtchen für das Fotogeschäft. In anderthalb Stunden (mit 1:09 h war Florian wohl der Schnellste) ist auch dieser Anstieg gegessen und die Krönung der feuchten Angelegenheit ist ein ausgiebiges Wannenbad. Beim Spaziergang durch den Skiort nach dem Sportlermenü lässt das Wetter bereits Hoffnungen für den nächsten Tag zu.
Alpe d’Huez - 7.7.05
Nach längerem Disput mit der Wirtin über angeblich offene Getränkerechnungen des Vorabends, dem Besuch des Fotogeschäftes und dem nachgeholten Gruppenfoto am Ortseingang gehen wir wieder zur Tagesordnung über, denn schließlich sind wir zum Radfahren hier. Und zwar zunächst mal bergab. Wohl wegen unterschiedlicher spezifischer Gewichte differiert die Fallgeschwindigkeit und auch hier zieht es die Gruppe mächtig auseinander. Dieser Umstand kann von den Schnelleren zu einigen Fotostudien in dem Kurvenlabyrinth genutzt werden. In Bourg-d’Oisans angelangt haben wir einen vorzeigbaren Schnitt für eine Alpenetappe herausgefahren. Doch auch das soll sich bald ändern, denn nach einigen flachen Kilometern beginnt an der Staumauer des Lac de Eau d’Olle der Anstieg zum Col du Glandon. Auf einem Viadukt über einen Teil des Sees folgt eine der letzten Erho-lungsphasen, denn am Ende der Talsperre wartet erbarmungslos eine 17-prozentige Rampe auf uns, die durch den Wald hinaufführt. Der Anschein, nach einer Kurve wieder auf ein flacheres Stück zu treffen, trügt. Die Straße denkt überhaupt nicht daran! Permanent stehen die Pedale unter Druck und Laktat schießt in die Waden. Viele Radler teilen unser Schicksal – manche überholen uns fünfmal und sitzen dann wieder keuchend auf den Rand-steinen. Wolfgang S. und Dieter beziehen die Plätze im Begleitwagen. Irgendjemand soll am Vorabend etwas von einer Flachetappe erzählt haben?! Bei 1200 m folgt des Glandon zweiter Streich. In kurviger Abfahrt verlieren wir wieder wertvolle Höhenmeter und rollen mit Schwung in die erneute Steigung hinein, die natürlich einen völlig neuen Rhythmus erfordert. Zermürbt von der ersten Rampe arbeiten wir uns bis zum mächtigen Staudamm in 1700 m Höhe empor. Uwe will nicht mehr und hat schon sein Rad im Auto. Nur Ediths Überzeugungskunst ist zu verdanken, dass Uwe auch das letzte Stück des letzten Passes seine Muskeln mit den Pedalen spielen lässt. Auch nach dem Stausee macht der Glandon noch nicht Schluss! Gemächlich allerdings verläuft die Trasse am Hang bis zu den Wolken hinauf. Die Passhöhe selbst ist nicht mehr zu sehen. Aus dem Nebel tauchen die einzel-nen Teilnehmer auf, bis die Gruppe wieder komplett ist. Eigentlich steht ja der Col de la Croix de Fer noch auf unserem Programm. Dieser Pass ist nur wenige Kilometer entfernt auf den gleichen Berggrat angesiedelt, aber schon unterhalb der Wolkendecke konnte man erkennen, dass der gesamte Kamm von einer weißen Decke ver-hüllt ist. So macht es außer blindem Ehrgeiz keinen Sinn, in dieser Suppe noch weiter zu fahren. Wir beschließen also, über den Nordhang des Glandon zu Tal zu fahren und vorzeitig die Tour zu beenden. Bei der Abfahrt will es überhaupt nicht wärmer werden, obwohl wir längst die Wolkenschicht verlassen haben. Dabei könnte die Gefäll-strecke bei angenehmeren Temperaturen echt Spaß machen, denn hier kann der Steuerkünstler seine Maschine richtig laufen lassen. Es gibt kaum Haarnadelkurven und die schmale Straße vollführt ein abwechslungsreiches Geschlängel durch den Wald bis nach La Chambre, dem Ausgangspunkt unserer Rundfahrt. Im Hotel erwartet uns Madame wieder mit einem vorbestellten Pastagericht. Eine solch große Lasagne hat zuvor noch niemand von uns gesehen – weitestgehend werden die Portionen verputzt.
Fazit
Die Tour war ein Erlebnis, dem ein noch so ausführlicher Bericht nicht gerecht werden kann. Wir haben eine tolle Konstellation in unserer Mannschaft gehabt, die kameradschaftlich und harmonisch miteinander umgegangen ist. Manche sind an die Leistungsgrenze gefahren, haben sie aber – so weit ich dies beurteilen kann – nicht über Gebühr strapaziert. Wer seine Kräfte für die gesamte Etappe richtig einteilt, darf ruhig mal am Limit fahren. Ein Lob geht vor allem an die schnelleren, stärkeren, besser trainierten Mitstreiter. In keiner Situation haben sie ihre Überlegenheit ausgespielt und haben sich in den Dienst der Mannschaft gestellt. Anzuerkennen ist auch die Leis-tung von Edith, die sich mit einem Dutzend Männern herumschlagen musste und ganz nebenbei ohne sichtbare Anstrengung locker über die Pässe rollte. Überhaupt ließ sich niemand von den teils übermächtigen Bergriesen die Laune verderben. Diese Herausforderung war Gegenstand der Rundfahrt und alle haben sie mit entspre-chendem Trainingspensum, mit viel Ausdauer und Willenskraft, mit Spaß und Begeisterung bravourös gemeistert.
Hans Werner Vits im September 2005

