Der Empfang auf dem Queen Alia Airport in Amman ist alles andere als erfreulich, da am heutigen Freitag, dem islamischen Sonntag, nur zwei Einreiseschalter besetzt sind und wir die Letzten in einer Schlange von zwei Flugzeugen sind. Auch Bernds Versuch, im Sicherheitsbereich ein Foto zu machen, sorgt nur für wenig Kurzweil, beschert ihm aber ein längeres Fach-gespräch unter Kollegen.
Nach erfolgreicher Einreise richten wir die Räder, die es bis auf wenige Blessuren, Dellen in meinem Vorder- und Hinterrad, geschafft haben und machen uns auf die Suche nach dem unmittelbar am Flughafen gelegenen „Golden Tulip“ Hotel, eine holländische Kette - was auch sonst bei dem Namen. Hier wird zum wiederholten Male sinnentleert unser Gepäck durchleuchtet und nachdem wir etwas Bares in Landeswährung getauscht und ich meine Taschen umgepackt habe, geht’s ins Bett.
Am folgenden Morgen ziehe ich die Eier mehr schlecht als recht aus meinen Laufrädern und wir machen uns über den Desert Highway mit einem kleinen Zwischenstopp zum Wasserfas-sen auf ins etwa 40km entfernte Madaba.
Hier wird Quartier gemacht, Geld gezogen, Postkarten geschrieben, eine antike Landkarte der Mittelmeerregion aus Mosaik und der Mount Nebo, von dem aus Moses das gelobte Land gesehen haben soll, besichtigt, bevor wir am nächsten Tag nach Kerak gen Süden aufbrechen.
Der Kings Highway, welliges, gut zu fahrendes Terrain zuerst, anschließend zwei Wadis, ausgetrocknete Flusstäler, grandiose Landschaft, freundlich hupende, winkende und schreien-de Autofahrer. Wir fühlen uns – ernsthaft - sehr willkommen in diesem Land.
Beim Abstieg ins etwa 500m tiefe Wadi Mujib treffen wir eine Zweiergruppe Radfahrer, Jungs aus München, mit denen wir beim Aufstieg in einer Bude einen Kaffee mit toller Aus-sicht ins Wadi genießen. Endlich oben, bei der Rast begegnet uns eine Reisegruppe aus dem benachbarten Rösrath, klein ist die Welt.
Die letzten dreißig Kilometer bringen uns nach der hoch auf einem Berge gelegenen Stadt Kerak, in der ich völlig fertig aufs Bett falle, es waren nach bayrischer Aussage rund 1.800 Höhenmeter auf 95 km. Das Abendessen nehmen wir gemeinsam mit den Münchenern ein, wie Bernd auch Polizisten und unter Fachsimpelei und Radlerlatein klingt der Tag bei der Frage aus, ob der Urlaub durch die drei ggf. als Überstunden angesetzt werden könne.
Nach der Besichtigung der alten Kreuzfahrerburg Kerak gehen beide Trupps auf die Piste, es folgt das nächste Wadi, al Hasa.
Bei der Mittagsrast unter dem einzigen schattigen Baum bei Sardinen, Käseecken und Fla-denbrot überholen uns die Münchener, freundlich maulend, weil der einzige schattige Platz in der brütenden Mittagshitze schon besetzt ist. Der Aufstieg zum Plateau ist ähnlich wie gestern im Wadi Musa, etwa 15km und 500m bergauf. Hier treffen wir auf ein Paar, das bereits meh-rere Monate mit dem Rad von der Türkei aus über Syrien auf Tour ist, zwei Hunde im Anhänger.
Nach etwa 60 anstrengenden Kilometern erreichen wir gegen 18 Uhr Tafila, unser heutiges angedachtes Ziel. Die schlechte Nachricht, das Hotel gibt es nicht mehr, das nächste liegt im Dana Naturreservat, 25km weiter. Da uns die Jungs vor Ort für eine Fahrt nach Dana im Auto übers Ohr hauen wollen, fahren wir weiter, in der Annahme, die letzten Kilometer bis zur Dämmerung zu schaffen.
Nach einer guten Stunde, es dämmert bereits, werden wir angehalten, Khasim, durch die Bayern auf uns aufmerksam gemacht, bringt uns, wie die beiden vorher, die letzten 10km nach Dana, welches wir für kleines Geld im Dunklen erreichen, Glück gehabt.
Beim Gehen zum Zimmer kann ich kaum laufen, eine Kante der Ledersohle hat meine beiden Fußinnenseiten blutig gescheuert. Salbe drauf und schauen, was passiert.
Des Abends treffen wir im Restaurant die gleiche Reisegruppe Holländer, die wir schon aus dem „Pilgrims Hotel“ in Madaba kennen und bekommen die Reste des Buffets, nett angerich-tet und auf sauberen Tellern mit eigenem Besteck, immerhin, aber es sind ja Bekannte.
Da das Hotel tief im Tal liegt, lasse ich mich am kommenden Morgen wegen meiner Füße auf den Kamm fahren, Bernd kommt ohne Gepäck mit dem Rad nach, es war so steil, dass er teilweise schieben musste.
Wir machen uns durch angenehm wellige Landschaft auf nach Wadi Musa und der Nabatä-erstadt Petra, mit einer Einlegesohle aus meinen Latschen geht es in den Fahrradschuhen eini-germaßen. Nach etwa 60km beziehen wir Quartier im „Al Anbatt“ Hotel in Wadi Musa.
Am kommenden Tag besichtigen wir das grandiose Petra, die alte Nabatäerstadt mit den in Fels gehauenen Fassaden ihrer Sakralbauten, deren Beschreibung durch mich der Sache kaum gerecht werden würde.
Einer der Souvenirstände in Petra wird von einer vermeintlichen Europäerin mittleren Alters betrieben, die ein Buch, „Im Herzen Beduinin“, auch in Deutsch, verkauft. Wir kommen ins Gespräch, es ist die Autorin, Marguerite v. Geldermalsen, eine Neuseeländerin, die in den 70iger Jahren einen Beduinen heiratete und mehrere Jahrzehnte bis zum Tode ihres Mannes in Petra in einer alten Nabatäerhöhle lebte.
Am Nachmittag wird der Rückweg durch die Schluchten für mich ziemlich anstrengend, ich falle mit Schüttelfrost ins Bett und verlasse es nur für ein Abendessen im „Cleopatra“. Auf meine Frage, was denn Mansaf und Maglouba, beduinische Gerichte, wären, darf ich bei zwei ziemlich verdutzten Engländerinnen, Mutter und Tochter, mal schauen, was dort so auf dem Teller liegt. Wir entscheiden uns dann doch lieber fürs Buffet und revanchieren uns bei den Damen, in dem wir ihnen den draußen herumlungernden Kellner schicken, da ihre Wünsche, zu gehen, konsequent missachtet werden.
Donnerstag ist wegen mir, dem es noch immer nicht so gut geht, Pause und wir besichtigen eine der (vermutlichen mehreren hundert) Mosesquellen. Der Abend sieht uns wieder im „Cleopatra“, diesmal mit einem alleinreisenden deutschen Radler am Tisch mit Fachsimpelei über arabische Mentalität, Steine werfende Kinder usw. Die folgende Nacht verbringe ich nicht im Bett sondern in der Keramikabteilung, dafür aber ziemlich frustriert den nächsten Tag bei Buch, Brot und Cola dann im Bett, Bernd vergammelt schon den zweiten Tag in Wadi Musa. Um der Sache auch etwas Positives abzugewinnen, zumindest die Fußsohlen sind wieder in Ordnung.
Am folgenden Morgen fährt Haled, unser Hotelmanager, mich, mein Rad und unser Gepäck nach Aqaba. Die Fahrt ist trotz unserer geringen gemeinsamen Sprachkenntnisse ziemlich unterhaltsam. Festzustellen ist, dass Witze unter Männern religionsunabhängig ziemlich ähn-lich sind und beide Nationalitäten ihre Vorurteile haben, wir gegen Kopftuch, Burkha und Vermummung, Moslems gegen kurze Hosen und nackte Haut, wobei diverse Landesgäste das jordanische Vorurteil verstehen lassen. Bernd kommt einige Stunden später an, er hat die ver-schollenen Münchener am McDonalds Aqaba getroffen. Den Nachmittag verbringen wir am öffentlichen Strand, die voll verschleiert badenden Araberinnen erinnern an die alten Schwarzweißfotos „Sommerfrische Ostsee 1905“.Am Samstag fahren wir ohne Gepäck etwa 100km zum und durch das Wadi Rum, eine gran-diose Wüsten- und Felslandschaft, die in den Memoiren des T.E. Lawrence „Die sieben Säu-len der Weisheit“ deutlich besser beschrieben wird, als es mir möglich ist.
Soviel nur: die Temperaturen in Aqaba lagen bei etwa 40°C, im Wadi Rum in der Sonne wohl bei geschätzten 60°, wir haben etwa 12 Liter Wasser verbraucht. Der Desert Highway nach Aqaba trägt seinen Namen zu Recht, es fühlte sich an, als wenn dauernd jemand den Back-ofen extra für uns öffnen wurde.
Beim Orangensaft in Aqaba treffen wir die beiden Engländerinnen aus Wadi Musa wieder, auf die Frage, ob es nicht ein wenig warm zum radeln sei, antworten wir ein wenig blasiert, dies schiene nur so. Zurück im Hotel werden wir von einigen Holländern angeflachst, ob wir uns von der Tour de France verfahren hätten. Unsere Frage, wo denn die Wohnwagen seien, unterbindet weitere Gespräche sehr nachdrücklich.
Am Abend erneutes Wiedersehen mit den beiden Münchenern im „Al Shami“ bei Hammel und Huhn, die auch mir wieder schmecken. Da noch zwei Radler, ebenfalls aus Bayern, auf-gelesen wurden, machen das Restaurant und der Sandflaschenverkäufer nebenan Rekordum-sätze.
Hier vielleicht kurz Folgendes: Da in Jordanien alle wesentlichen touristischen Highlights entlang des Kings Highway zwischen Amman und Aqaba liegen, erklärt sich das häufige Wiedersehen bekannter Gesichter, zumal unseres Wissens nach mindestens 12 Radler gleich-zeitig unterwegs waren.
Weiter ist ein typisch jordanisches Souvenir eine mit unterschiedlich farbigem Sand so befüllte Glasflasche, das Landschaften, Dromedare usw. entstehen, wobei „Sandflaschenbefüller“ in Jordanien ein durchaus ehrbarer Beruf und wahrscheinlich deutlich positiver besetzt ist, als Bauingenieur oder Polizist hier, wie mir scheint.
Am folgenden Tag fahren wir an der Küste zur unmittelbar südlich von Aqaba verlaufenden Grenze zu Saudi Arabien, wobei wir die zweite Truppe Bayern unterwegs treffen und ver-bummeln den Rest des Tages im „Royal Diving Club“, Bernd beim Schnorcheln, ich bei den „Sieben Säulen der Weisheit“, das ich in einem Buchladen in Aqaba erstanden habe. Bezahlt unter anderem mit einem Gespräch über den Euro, die griechische Finanzkrise und der euro-päischen Finanzpolitik im Allgemeinen, aber es ist ja schließlich Urlaub.
Auf dem Rückweg wird Bernd bei einer der häufigen, immer freundlichen und neugierigen Polizeikontrollen angehalten: „Just for a welcome in Jordan“.
Am Abend im „Al Shami“ weiterer Rekordumsatz durch die sechs Radler, zur Unterhaltung wird über das dünne Blechvordach, unter dem wir sitzen, durch die Kellner ein alter Wasser-tank herausgeschafft, jeder Tritt auf dem Blechdach ist von unten erkennbar dauerhaft einge-stanzt, Getränke und Essen werden zusätzlich durch ein wenig Putz gewürzt, Arabien halt. Gespräche über Touren, Pulswerte, Schaltungen usw., genau, wie ich mir ein Hotel auf Mal-lorca im Frühling vorstelle, aber im Grundsatz sehr humoristisch.
Am folgenden Morgen geht’s per Bus über den Desert Highway zurück nach Amman, die anderen Trupps folgen wohl am gleichen Tag zu unterschiedlichen Zeiten, verabschiedet hat-ten wir uns bereits am gestrigen Abend. Auf der Busfahrt gibt’s wiederum Magenkrämpfe für mich, wird langsam zur Gewohnheit.
Amman: eine Stadt auf vielen Hügeln, vierspurige, volle Highways, Hupkonzert, Verkehrs-chaos und der Busterminal irgendwo am Stadtrand. Für die Fahrt zum Hotel kommt erstmals mein Helm zum Einsatz, der den bisherigen Urlaub wohl verwahrt in den Packtaschen mit-gemacht hat. Fahren müssen wir zuerst, ernsthaft, nach der Himmelsrichtung und dem Stand der Sonne, bis wir auf die richtige Straße und unser Hotel am siebten Circle stoßen.
Der Rest ist nun kurz erzählt: am folgenden Tag besichtigen wir noch die Römerstadt Jerash und die Kreuzfahrerburg Ajlun magenbedingt per PKW und Fahrer, der letzte Tag wird in Amman im Park und dem Kings Car Museum verbummelt und der Freitag bringt uns wieder in die Heimat, in den deutschen Frühling, bei etwa elf Grad und ein wenig lang vermissten Regens.


