RTV Lohmar

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Marokko

Nachdem Bernd und ich 1998 drei Wochen den Norden Marokkos erkundeten, reifte bereits auf dem Rückflug der Entschluss, die gewonnenen Erfahrungen in einem weiteren Urlaub in Marokko zu verwerten.

Nach drei Jahren intensivster Vorbereitungen, perfekt abgestimmtes Material, ausgiebiges Kartenstudium, umfassende Information über Land, Leute, Sitten und das Reisewetter, kam es wie es kommen musste - und das, wie immer, etwas anders als erwartet:

So ging es denn am Freitag, dem 9. November gegen Mittag mit British Airways über London und Casablanca ab nach Marrakech. Der Aufschlag erfolgte etwa gegen 20.30h Ortszeit am Flughafen Marrakech Menara. Auch unsere 9 Gepäckstücke kamen in vorbildlichem Zustand vor Ort an und die erste Hürde war somit genommen.
Da unsere Räder für den Flug vorzubehandeln waren, Lenker drehen und Pedalen nach innen stellen, schlug das Schicksal in Form einer einstündigen Bastelarbeit zwecks Wiederbefestigung von Bernds Lenker am nachtdunklen, kalten und zugigen Flughafen bereits in der ersten Stunde unseres Urlaubes mit aller Härte zu.
Ja, kalt. Warum eigentlich? Die Temperaturangaben in Reiseführern und Internet versprachen doch etwa 20°C für diese Jahreszeit? Konnte nur keiner ahnen, dass parallel zu uns der erste Schnee auf den Bergen des Hohen Atlas `runtergekommen war. Also, Hotel gesucht, Geld besorgt, das erste vor Ort Wird-schon-schiefgehen-Essen in der Stadt und ab ins Bett.

Am nächsten Tag dann Anpassen an die örtlichen Verhältnisse, erste vorsichtige Kontakte mit den Marokkanern, Postkarten schreiben, Taschen umpacken, Räder nachbehandeln, kurzum, Vorberei-tungen aller Art. Die 20°C hatten wir dann auch, verteilt auf etwa 10°C am Vor- und am Nachmittag. Ein abendlicher Besuch des Djemma el Fna, Marrakechs größter Platz mit Schlangenbeschwörern, Gauklern, Akrobaten und Gaumenfreuden aller Art rundeten den Tag ab.
Nachdem uns die wohlmeinenden Einwohner Marrakechs versichert hatten, dass diese Temperaturen eigentlich unüblich niedrig wären und der erste Schnee ausgerechnet in diesem Jahr sehr früh gefallen wäre, machten wir uns am folgenden Tag auf die Socken.

Die Etappe führte uns über die Vorberge des schneebedeckten Hohen Atlas in das Städtchen Demenate. Zum Zelten war es uns dann doch etwas zu frisch, die Lust auf eine warme Dusche trieb uns ins Hotel. Für etwa 10 Euro (selbstverständlich für uns beide) erhielten wir dann im "ersten Haus am Platze" Obdach. Aber auch nicht mehr als dies, Dusche kalt, Zimmer kälter und lecker essen war auch nicht. Strom gab es allerdings, auch mein Mobiltelefon bekam Anschluss.

Nach einem Abstecher zu dem weiter aufwärts gelegenen "Pont naturelle", einer natürlichen Stein- brücke oberhalb Dementes, machten wir uns am Morgen auf den Weg zu den "Cascades de Ouzoud", Marokkos größte Wasserfälle. Die wieder relativ hügelige Tour wurde etwas getrübt von der Vorstellung, auf den letzten 16km noch etwa 1000m an Höhe machen zu müssen. Eigentlich klar, Wasserfälle liegen ja immer oben da Wasser immer abwärts fließt. Nach einer letzten Pause bei Tee und Müsliriegel ging es dann 16km - überraschenderweise abwärts- nach Ouzoud. Dies ließ uns vermuten, dass wir am Vortage doch den ein oder anderen Höhenmeter gemacht haben müssten.
In Ouzoud empfingen uns dann die üblichen ortskundigen Führer. Diese Führer machen eigentlich alles für Lau und aus Spaß an der Freude, sind dann trotzdem mit der Höhe der -nicht gewollten- Bezahlung nicht zufrieden und sorgen somit für die Abendunterhaltung der Touris.

Jedenfalls führte uns unser Führer einmal um die Wasserfälle, zeigte uns die wild lebenden Affen und sorgte anschließend noch einige Minuten für die bereits beschriebene Form der Unterhaltung, nach dem Motto, ich Student, sieben Kinder, fünf hungernde Frauen und drei kranke Großmütter, mindestens.

Am folgenden Tage verließen wir dann nach dem Überqueren zweier Hügelketten das karge, wellige und relativ kühle Vorgebirge des Hohen Atlas und erreichten wieder die fruchtbare Ebene um Marrakech. Das Ziel des heutigen Tages hieß Beni Melal, wo uns dann zum ersten Male nach Marrakech im Hotel eine warme Dusche (sogar auf unserem Zimmer) erfreute. Weiterhin kamen wir zu dem Entschluss, den Atlas am nächsten Tage per Bus zu überqueren. Hauptgrund war unsere Hoffnung auf höhere Temperaturen südlich der Berge und somit näher an der Sahara.
Bei der Überquerung des Atlas und der von zwei Pässen eingeschlossenen kargen Hochebene wurde uns das Herz wegen unserer Faulheit schon etwas schwer, aber andere Radtouris teilten uns später mit, dass dort oben Temperaturen von bis zu -10°C geherrscht hatten, so dass die Reue nicht von langer Dauer war.

Am Abend erreichten wir nach rund 12 Stunden Busfahrt Er Rachidia, hier checkten wir für zwei Nächte im Hotel ein, um am nächsten Tage ohne Gepäck in die Ziz-Schlucht zu radeln. Wenige Kilometer außerhalb von Er Rachidia stand dann der Bus, der uns am Vortage über den Atlas schaukelte, vermutlich ungewollt am Ende einer langen und breiten Ölspur geparkt, mit wild gestikulierenden Fahrern und Fahrgästen.
Die Ziz-Schlucht bot ein von jetzt an häufig wiederkehrendes, atemberaubendes Panorama von grünen Palmen vor braunen, staubigen Felsen und einem blauen Himmel. Am oberen Ende der Schlucht trafen wir auf zwei Schweizer mit Ihren Rädern. Die zwei hatten den Atlas per Velo überquert und waren sichtlich froh, im temperierten Süden angekommen zu sein, obschon sie unsere kurzen Hosen und die Kurzarmtrikots doch etwas kritisch beäugten.
Der nächste Tag führte uns das Ziz-Tal entlang von Er Rachidia aus weiter nach Süden gen Erfoud. Die Landschaft, eine karge Ebene, in welchen sich der Ziz-Fluss eingegraben hat, kann man nur als atemberaubend bezeichnen. Auch hier wieder grüne Palmen vor braunen, staubigen Felsen und blauem Himmel. Abends fassten wir aufgrund der steigenden Temperaturen Mut und zelteten auf dem überfüllten Campingplatz - außer uns gab es nur einen weiteren Gast. Auch das Abendessen konnten wir zum ersten Mal ohne zu zittern unter freiem Himmel einnehmen.

Am folgenden Tag begann der mohammedanische Fastenmonat Ramadan, in welchem es dem gläubigen Moslem von Sonnenauf- bis Sonnenuntergang verboten ist, Nahrung und Flüssigkeit zu sich zu nehmen. Dementsprechend gespannt stiegen wir am nächsten Morgen auf die Räder und in der Tat, dass sonst übliche überschäumende Leben war einen Gang zurückgeschaltet, sämtliche Cafés und fast alle Geschäfte geschlossen.
So waren wir dann gezwungen, gegen Mittag den Kocher anzuwerfen und die in Deutschland gekauften Nudelgerichte der Art Wasser-drauf-und-in-5-Minuten-fertig zu verzehren. Ein Ritual übrigens, welches sich an den folgenden Tagen beständig wiederholte. Am Abend dann Einkaufen und noch ein paar Kilometer weitergeeiert um in der Wüste zu zelten. Zelt aufgebaut, die dicksten Steine weg, schnell was gegessen und mit Einbruch der Dunkelheit lagen wir um etwa 18°°h in den Schlafsäcken. Bernd nutzte dann die nächtliche Kühle, um endlich einmal zu testen, ob er mit allen Kleidungsstücke übereinander in seinen Schlafsack passte.
Da wir einen Grund suchten, um von nun an konsequent die Hotels zu nutzen zerstörten wir am folgenden Morgen eine Zeltstange, schwangen uns auf die Räder und erreichten gegen Mittag den am Eingang der Todra-Schlucht gelegenen Ort Tinerhir. Das Gepäck wurde im Hotel geparkt und anschließend erkundeten wir bar jeder Last die Todra-Schlucht. Hier überholten uns übrigens auch die zwei Schweizer - mit dem Landrover, die Räder auf dem Dach.
Abends zurück in Tinerhir machten wir dann weitere Ramadan-Erfahrungen: Wenn die Sonne untergegangen ist, erlahmt für etwa eine Stunde alles Leben im Lande, jeder Mohammedaner eilt nach Hause oder wahlweise in einen Imbiss um die untertags verbrauchten Körner wieder nachzulegen. Fast aller Fahrzeugverkehr wird unterbrochen, alle Geschäfte schließen für diese Stunde, es geht nichts mehr. Anschließend füllen sich die Cafes, die Geschäfte öffnen wieder und das Leben nimmt seinen bekannten Lauf.

Am nächsten Tage war dann lässiges Rollen in das etwa 50km entfernte Boulmane-Dades, Beginn von Dades-Schlucht auf der einen und Dades-Tal auf der anderen Seite angedacht. Der liebe Westwind, unfreundlicherweise permanent von vorne, ließ hieraus eine mehrstündige Asterei mit selten mehr als 11km/h auf der Uhr werden. Selbst beim obligaten Käsespätzleessen in der Wüste müsste man sich aus dem Wind drehen um nicht allzu viel Staub zu schlucken.
Da es am nächsten Morgen ein paar Tropfen regnete und uns zwei Holländer, ebenfalls mit dem Rad unterwegs, am vorherigen Abend davon abrieten, die Dades-Schlucht per Rad zu erfahren suchten wir das örtliche Führerhauptquartier auf um einen Führer nebst Wagen zu chartern. Führerhauptquartier, das Café des Fleurs, geschlossen, weil wegen Ramadan, Inschallah! So wählten wir dann notgedrungen die Räder, mit dem Resultat, dass Bernd sich nach etwa 5Km Dades-Schlucht von seinem hinteren Schutzblech trennte. Ich selbst kehrte nach weiteren 10 km vorzeitig um, da die Fahrbahn so abartig schlecht war, dass ich weder rechts noch links schauen konnte.

Der folgende Tag bescherte uns dann auf der Straße der Kasbahs, Ostwind, Rückenwind, aber so richtig, welcher uns mit relativ konstant über 50 Sachen in Richtung Ouarzazate fegte. (Kasbahs sind  die örtlichen Lehmburgen, in welchen in früheren Zeiten ganze Ortschaften Schutz vor Nomaden-Überfallen fanden.) Dank des Windes machten wir die Straße der Kasbahs in etwa 5 Stunden, zu einem Schnitt über 30 langte es leider nicht, da wir vor Etappenende einige Hügelchen zu bewältigen hatten und auch dem Wind auf den letzten Metern die Puste ausging. Aber 28,93 sind ja für 114km mit dem ein- und andern Pfund Gepäck auch nicht so grottenschlecht.
In dem Touristenort Ouarzazate erhielten wir, im Gegensatz zu den vorherigen Städten, in einem
Café sogar bei Tageslicht Speis und Trank. Dies, sowie eine ausgiebige morgendliche Regenschauer veranlassten uns, den nächsten Tag im Ort zu verbummeln, so dass wir am darauf folgenden Morgen gut erholt wiederum Richtung Süden ins Draa-Tal starteten.
Der Morgen bescherte uns eine hügelige, karge Landschaft, bei sehr warmem Wetter, so dass wir froh waren vor der Überquerung des Passes Tizi`n`Tinififft noch einige Liter Wasser kaufen zu können. Gekocht wurde dann auf der Passhöhe, oben ohne, so warm war's! Am frühen Nachmittag erreichten wir dann das Etappenziel des Tages, Agdz am Eingang zum Draa Tal.
Dieser nette Ort ist uns wegen folgender Begebenheit in froher Erinnerung verbleiben: Wir, die gegen Belästigungen total Abgebrühten und gegen allen Tricks der Händler, uns in ihren Laden zu zerren, Gefeiten, gehen auf den Markt um Obst zu erstehen und meistern dieses nicht unbeträchtliche Problem erfolgreich.

Bernd, als der Gesichtsälteste, wird angelabert: Ich habe Freund in Deutschland, Du könne Brief in deutsch für mir Schreiben? Mitgehen ist Ehrensache und wir werden prompt in einen Souvenirshop geführt. Bernd schreibt irgendwas wegen der Hochzeit der Schwester unseres Marokkaners, wir ahnen nichts schlimmes, da die übliche Verkaufsveranstaltung erstaunlicherweise ausbleibt. Da es kurz vor Sonnenuntergang ist werden wir von unserem Marokkaner mit nach Hause zum Essen gebeten. Sind ja eigentlich doch ganz nette, diese Marokkaner und wir immer mit unserem Misstrauen, schämen wir uns ganz still vor uns hin.
Beim Essen treffen wir einen Holländer, anschließend, auf dem Weg zurück zum Shop fragt dieser Bernd, ob wir auch einen Brief schreiben sollten.....  Im Shop dann geht das übliche Programm los Tee, Schmuck, Messer usw. Der Verkäufer hat nach einer Stunde fertig, aber weil wir so nett sind und er so nett ist darf er uns noch eine weitere Stunde ertragen, frage hier, fühle dort, erzähle da, trinke Tee, kaufe nix. So ist er dann leicht genervt auf dem besten Wege uns rauszuwerfen, aber wir gehen dann doch freiwillig. Getreu dem marokkanischen Motto "Nur gucken, nicht kaufen" und "Eile mit Weile", mit dem man uns in schon so manchen Laden zerren wollte.
Bei Anbruch des nächsten Morgens geht's dann das palmenbestandene Draa-Tal entlang (die Region ist der größte Dattelproduzent Marokkos) nach Süden gen Zagora. Gegen Mittag bricht dann eine etwa halbstündige Regenschauer auf uns hernieder. An sich nicht so schlimm, aber in diesem Falle genau am Platze und zur Zeit unserer mittäglichen Kochorgie nicht so erwünscht. Nachdem wir dann den ganzen feuchten Kram wieder verpackt haben und weiter wollen bricht's dann wieder und sehr endgültig, Bernds Felgenhorn ist auf etwa 10cm gerissen und dellt nach aussen. So schleppen wir uns mit verringertem Reifendruck und gaaaanz vorsichtig bis nach Zagora, dem Ende diese Radtour.
Hier schießen wir nach über 1000km durch Marokkos Süden noch ein Foto von dem alten Karawanenschild "52 Tage nach Timbuktu", bevor wir uns mittels Bus nach Marrakech und nach einigen weiteren Urlaubstagen von dort aus per Flugzeug zurück in die vorweihnachtliche Heimat begeben.

Heiko Ennenbach 2002
 

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