RTV Lohmar

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Rumänien

Jetzt, im Juni 2001, habe ich nach nunmehr 4 Jahren Abstand endlich die mentale Kraft gefunden, die verhängnisvollen Erlebnisse des Frühjahres 1997 in schonungsloser Offenheit niederzuschreiben.

Dies zum einen, um die unsäglichen Strapazen, welche nicht in Vergessenheit geraten sollen und dürfen, zu schildern, um meiner gequälten Seele endlich die notwendige und verdiente Ruhe zu gewähren und zum anderen, zum Amüsement des geneigten Lesers.

Im Jahre des Herren 1996 fuhren Bernd Hauptmann und ich per Rad innerhalb von zwei Wochen bei strahlendem Sonnenschein donauabwärts von Donaueschingen bis Budapest, worauf noch eine Woche durch die Slowakei und die Südtschechei von Bratislava bis Budapest folgte.

Dies gebar den Wunsch, auch den südlichen Teil der Donau von Budapest bis ans Schwarze Meer kennenzulernen. So entstand die Idee, innerhalb von vier Wochen von Budapest, der Donau folgend, ans Schwarze Meer und weiter über Odessa nach Kiew in der Ukraine zu radeln.

Die Vorbereitungen liefen und die Schwierigkeiten, etwa bei der Visumsbeschaffung für die Ukraine oder betreffend des Kartenmaterials für den Balkan, hier halfen Nato-Karten aus, wurden schnell und routiniert überwunden - dachten wir zumindest. So starteten wir an einem kalten Morgen Anfang April 1997 per ICE Bonn - Budapest mit Rad und Pack gen Ungarn.
Entlang der Donau in Österreich sahen wir die ersten Schneewehen, welche uns einen Vorgeschmack auf den Empfang am Budapester Bahnhof Kieleti Pu gaben. Dort angekommen rannte man uns wegen Zimmern, wie erwartet, buchstäblich die Räder ein. Doch, nachdem Bernd eine halbe Stunde nach einem EC-Automaten gesucht hatte um ungarische Forint zu kriegen, war nur noch das Schweigen im Bahnhof zu vernehmen. Endlich ein Zimmer, Jugendherberge, überheizt, der Größe „vorwärts rein und rückwärts raus“, ein ungarischer Hamburger zum Abendessen und ab in die Kiste.
Am Morgen ein Frühstück im Truck-Stop und ab ging’s die Donau entlang gen Süden. Den v. g. Fluss sahen wir übrigens an diesem Morgen zum letzten Mal. Am Vormittag Schneegestöber, Regen, sandverwehte Straßen und gottlob am Abend ein Hotel mit allen Schikanen. Zu erwähnen sei noch, dass im Vorfeld eifrige Diskussionen über Winterbekleidung liefen, da dort ja das warme Pustaklima, mediterran geprägt, herrscht. War ja auch so, sogar noch besser, in der Wüste gibt es auch Sandstürme, nur einige Grade wärmer.

Am nächsten morgen wie Tags zuvor, mit Handschuhen, Überschuhen, 4 Trikots, Windjacke und kaltem Po Richtung Grenze zur Bundesrepublik Jugoslawien. Lief klasse mit Rückenwind, vor der Grenze die letzten Forint verbraten, `raus aus Ungarn kamen wir auch, nur nicht `rein nach Jugoslawien. Visum, ja wollen wir hier machen, wie, geht nicht?, aber Freunde hatten uns doch gesagt.... Zwecklos, gibt’s nur in der Botschaft, in Budapest. Also zurück, ohne Geld, mit Gegenwind, gen Osten, wir wollen nun direkt nach Rumänien. Am Abend wieder ein Hotel, Gott sei Dank, die nehmen unsere Not-Dollar und geheizt ist auch.
Morgens dann Frühstück, Bratwurst mit Senf, was anderes gibt’s nicht und in der Bank den ersten und letzten Amexco-Travellerscheck eingelöst. Wieder flüssig, nach einem Tag mit Kälte, Sand und Gegenwind hinter Szeged Übernachtung vor der Grenze nach Rumänien. Zum Dinner noch ein ungarischer Hamburger, Tag zuende.

Am nächsten Morgen zur Grenze, am Übergang ein freundliches nein, hier nur LKW. Also weiter gen Osten und um High-Noon nach 100 km sind wir in Rumänien. An der Grenze bekamen wir anstandslos ein Visum mit ca. 100 Kontrollschnibbeln. Mein Kommentar: unnötiger Ballast, ab in die nächste Tonne. Aber Bernd, immer schlau, riet zum aufbewahren - hierzu später mehr. Die erste Stadt, ein Hotel, Amexco-Scheck einlösen, als Antwort ein freundliches Schulterzucken. Hilft samstags auch nix, pleite, Banken zu und was sind Geldautomaten? Also wigger, Richtung Süden, da gibt’s laut der noch in Ungarn erstandenen Karte ein Motel. Gab's auch aber nicht geheizt, noch geschlossen und am heutigen Samstagabend ist Disko. Da wir nicht zelten wollen nehmen wir bei hervorragendem Wechselkurs, allerdings für die Schöne von der Rezeption, ein Zimmer. Ein ähnlich preiswertes und qualitativ wie quantitativ hochwertige Abendessen sowie eine ausgedehnte Sightseeing-Tour über schlammig-staubige Straßen runden den Tag ab. Nein, noch nicht ganz, von 23°° bis 6°° ist Disko, unter die Decken kriechen können wir nicht, die sind festgeschimmelt, also die Kapuze von der Penntüte über den Kopf und still gelitten. Schreie der Pein hätte auch niemand gehört.
In der Frühe dann die Renner über die mit Glasscherben gespickte Treppe und durch ein ähnlich zugerichtetes Foyer getragen, Schlüssel in die Rezeption geschmissen und ab dafür. Endlich in der Großstadt Timesoara, Geld tauschen. Der Versuch, uns zu linken, schlägt dank Bernd's Argusaugen fehl und weiter geht’s gen Süden. Nach einigen Kilometern in die kurzen Hosen, die Temperatur ist bis auf über den Gefrierpunkt gestiegen, wir beschließen abends zu zelten. Großeinkauf in einem mit gähnender Leere vollgestopften Geschäft, Brot und Büchsenfisch fanden sich einsam und verlassen in den Regalen, am späten Nachmittag noch ein Bier in Jamu Mare, wir sind die Attraktion des Dorfes, die erkennen Irre schon von weitem. Dann auf die Räder, nach 10km ca. 50m offroad in die Büsche, Zelt aufbauen und Abendtoilette. Beim Abendmahle hören wir dann das kommende Verhängnis oder das Verhängnis kommen in Form von Regentropfen. Diese Regentropfen kamen freundlicherweise die ganze Nacht durch und entwickelten sich zu einem ausgeprägten Regen.
Morgens, Zelt und Schlafsäcke leicht feucht, die Taschen gepackt, die Räder zur Straße, ja dachten wir, schieben, doch nach 10m klebten jedem dann 5kg rumänischer Lehm am Rad, an den Schuhen überall und es gießt in Strömen. Eine Schlammspur durch die trostlose Landschaft über ölglänzende Straßen hinter uns herziehend erreichen wir mit letzter Kraft Oravica, die Perle Rumäniens. Perle nur wegen dem Motel, geschlossen, kalt und Wasser, kaltes selbstverständlich, gibt’s nur zweimal am Tage, morgens und abends je eine Stunde. Fragt sich nur, wo bei zwei Stunden Wasser am Tag der ganze Gammel unter dem Waschbecken unseres mühsam erkämpften Zimmers herrührt. Auch das Wasser erwischen wir nur einmal in zwei Tagen und entlehmten unsere Taschen. Sei’s drum, die Hotel- und Kneipenmutter leiht uns ihren Schirm und wir tigern in unseren Sommerschuhen durch den kalten rumänischen Regentag zur Bank - natürlich geschlossen, wir sind immer noch oder schon wieder pleite. Nach mehreren kautschukartigen Cevapcici im ersten Haus am Platz zurück zum Markt, keiner will uns was wechseln, klasse. Abends füllen uns in unserer Hotelkneipe die Ortsansässigen mit Bier ab, man selbst trinkt Schnaps, das Kölschglas für 50 Pfennige.

Neuer Tag, neues Glück, wir wollen nur noch heim ins Reich. Die Bank wechselt uns die restlichen Dollar, jeder wird mittels UV-Lampe geprüft und wir erhalten als Gegenwert für 100,- DM zweitausend Gramm rumänische Lei. Zum Bahnhof, das gibt’s hier, mit der Bahn zurück nach Timesoara, ja geht, aber die Räder nur als Gepäck, vergessen wir’s. Am Taxistand, einen Dacia, Renault 12 Nachbau, mit Dachgepäckträger gesucht, wir werden mit dem Besitzer handelseinig, der uns, Dollarzeichen in den Augen, zum Hotel folgt. Räder aufs Dach, die in der Dusche vom gröbsten gereinigten Taschen in den Kofferraum, ab nach Timesoara. Nach ca. 10 Minuten abrupte Pause, der Fahrer öffnet die Motorhaube und entfernt den Pappschutz vom Kühler seines Dacia, bei der Weiterfahrt rinnt brauner Schlamm über die Heckscheibe, es regnet immer noch. Vor dem Hotel Continental-Correl in Timesoara entlässt uns der Chauffeur - oder wir ihn, Ansichtssache - nach extra Trinkgeld für eine Wagenwäsche. Es gibt geheizte Zimmer und warmes Wasser den ganzen Tag. Ich bade, Bernd auch, aber unsere Räder in einer Pfütze und reinigt diese mit einer Flaschenbürste. Dann zur rumänischen Airline, die uns direkt weiter zur Tyrolean Airlines, Rue de Ceausescu, verweist, wir buchen unsere Flüge mittels Eurocard und sollen um 16°° zur Bestätigung noch mal vorbei kommen. Was Bernd auch macht, aber es ist geschlossen, weil um 16°° ist schon 17°°, in Rumänien gehen die Uhren eine Stunde vor, auch das Rätsel des Wassers aus Oravica ist nun gelöst.

Dann halt die Bestätigung am nächsten Vormittag und gegen Mittag werden wir mit einem alten Militärjeep zum zivilen und militärischen Flughafen, Timesoara International Airport, gekarrt. Gekarrt deshalb, weil in der Karre außer dem Motor nichts mehr funktioniert. Am Airpörtchen teilt man uns mit, dass wir die Räder zerlegen müssen, die passen sonst nicht durch die Frachtluke. So werden wir nach wenigen Minuten des Zerlegens des Flughafengebäudes verwiesen, so was ist nicht erlaubt. Gut, dann eben draußen geschraubt und mit Klebeband zusammengeheftet, Mordgedanken beim Anblick der mit Kalaschnikows armierten und grinsenden Wachsoldaten vergehen schnell. Es freut einen doch immer, zur allgemeinen Volksbelustigung beizutragen. Im Flughafen läuft im Radio „Walk like an Egyptian“, mir, warum auch immer, unvergesslich. Nach dem ich beim Abschiedsbild fast noch erschossen werde, Spionage!, darf ich dem freundlich dumm grinsenden Wachsoldaten nach dem Durchleuchten der Packtaschen noch meine gesamten Schraubenschlüssel vorführen, nix Maschinenpistole, wie witzig. Passkontrolle, bei Bernd geht alles glatt, doch bei mir fehlt ein oben erwähnter Schnibbel. Alles Suchen nützt nix, Schalterbeamte pampig, Ennenbach pampiger und siehste, geht doch, der Schnibbel himself liegt im Pass, eine Seite weiter.

Bis nach Hause via Wien und Frankfurt geht nun wieder erwarten alles glatt. Am nächsten Tage möchte ich, Volksbankkunde, noch meine Dollar-Travellerschecks, über Beziehungen zum besseren Kurs von der Sparkasse, einlösen. Freundlich teilt mir die Voba-Dame mit, dies doch besser bei der SpassKass zu machen, man müsste sonst für jeden Scheck Gebühren nehmen. Da die Summe der Dollar je Scheck gering und die Anzahl der Schecks entsprechend hoch ist, geht’s dann schnell zur Konkurrenz. Kein Problem sagt man mir am Schalter, ich unterschreibe fünfzigmal. Dann die Frage „Auf welches Konto?“, Nix Konto, bar bitte. Geht nicht, die Antwort des äußerst kompetenten Schalterbeamten. Das zum furiosen Finale.

Zu erwähnen wäre da noch der deutschsprachige Rumäne aus Siebenbürgen, mit dem wir uns am Abend in Oravica unterhielten. Bis zum Alter von vierzig Jahren hat er im Bergwerk „Noroc Buna“ in Oravica gearbeitet, dann kann man dort in Rente gehen - Uranabbau.

Noroc Buna heißt übrigens „Glück auf“.

Seinen Kindern hat er so die Ausbildung finanziert, die Tochter war arbeitslos, Lehrerin. Er bekam kaum Rente. Bekam deshalb, weil er wahrscheinlich zwischenzeitlich an den Folgen seiner Arbeit gestorben sein wird, die meisten seiner Kumpel wurden keine fünfzig Jahre alt.

Noroc Buna, Romania.
 

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