Durch die Wüste 29.04.08 – 09.05.08
Nach knapp siebenjähriger Nordafrika- und Trekkingabstinenz starteten Bernd und ich am Montag den 29.04.08 nach Djerba. Die Ankunft fand um eine Stunde verspätet statt, Absturz des Bordcomputers in Köln und unange-kündigte Zwischenlandung in Monastir, bei der Airberlin drei angeblich bis Djerba gebuchte Passagiere verloren gingen und erst mühsam wieder eingefangen werden mussten, bis die Situation geklärt war.
Am Flughafen Djerba war glücklicherweise alles da, beide Räder und unsere acht Taschen, drei von Bernd, fünf von mir. Dann noch die problematische Passkontrolle, es dauerte etwas, bis der Grenzpolizist und sein Vorge-setzter verstanden hatten, dass wir eine Radtour machen wollten. Die Räder gerichtet, aufgepumpt, Gepäck drauf und rund 20 km mit Gegenwind nach Houmt Souk, erste Eindrücke. Am Abend dann im Hotel „Dar Faizah“ die Taschen vom Modus „Flug“ auf „Reise“ umorganisieren, Einkäufe, Wasser usw.
Am Mittwoch ging es dann quer über die Insel Djerba, vorbei an der Synagoge La Griba und durch Guellala zum bereits seit der Römerzeit bestehenden Damm, der Djerba mit dem Festland verbindet. Diesen überquerten wir parallel zur Wasserleitung für die Versorgung der Hotels an der Küste bei unangenehmen Gegenwind, der uns bis zu unserem Ziel, Zarzis, erhalten blieb. Die Monokulturen der Olivenbäume, Gegenwind, ungewohnte Wärme und der raue Asphalt ließen uns aufatmen, als wir nach knapp 55 km Zarzis am frühen Nachmittag mit der Hoffnung auf ein Restaurant erreichten. Die unattraktive Stadt durchquert, kein Restaurant, dafür aber Schulschluss und ziemlich viele interessierte Kinder. Schulschluss o. -anfang verteilen sich über den gesamten Tag, da es zu wenig Schulen gibt und daher in Schichten unterrichtet wird.
Am Ende des Ortes links ans Meer abgebogen, kleine Rauchwolken weisen uns doch noch den Weg zu einer Kaschemme. Auf die Frage „Mange ?!“ werden wir an einen Tisch bugsiert, der nachtschwarze Kellner poltert Suppe, Brot, frisch gegrillten Fisch mit handgeschnitzten Pommes und Salat zweimal auf unseren Tisch. Gefragt werden wir nur, was wir trinken möchten. Das Essen ist jedoch ausgezeichnet, dies zeigt auch die große Zahl Einheimischer an den Tischen. Die Nacht verbringen wir im Hotel „La Medina“, wobei die Wahl zwischen gamme-ligem Bett, zu warmen Schlafsack „Arctic Thermo“ und relativ zahlreichen Mückenstichen besteht. Aber immerhin ist „La Medina“ lizenziert, d. h. wir nehmen am Abend einige Bier mit den ortsansässigen Alkoholikern.
Der Donnerstag beginnt mit einem Platten bei mir, anschließend geht es los über rund 105 km durch die Djeffara-Ebene gen Tataouine. Erste Kamele und ein schneeweißer Salzsumpf sind die Highlights, bis wir am späten Vormittag den ersten und einzigen Ort, Neffaftia, erreichen. An der Tanke an der Ecke nehmen wir etwas Hammel mit Pommes zu uns. Ein Schild „Tripoli 150“ kündet von der Nähe der lybischen Grenze. Die folgenden 65 km durch die karge, wellige Ebene fordern wieder stark, auch deshalb, weil ich zu wenig getrunken habe und etwas dehydriert bin, so dass allgemeine Erleichterung aufkommt, als wie endlich Tataouine am Rande der Dahar-Berge erreichen, wie immer angekündigt durch die zu Beginn der Orte deutlich glatter werdende Straßendecke. Im lizenzierten Hotel „La Gazelle“ checken wir für zwei Tage ein. Am Abend noch in eine Patisserie, die süße Spezialität der Region „Corne du Gazelle“, Gazellenhörnchen, probieren.
Heute, am Freitag, geht es ohne Gepäck auf eine Rundtour in die Dahar-Berge. Die Berber bauten in den ver-gangen Jahrhunderten im Dahar bis zu viergeschossige, wehrhafte Getreidespeicher, in die sich bei Überfällen das ganze Dorf zurückziehen und verteidigen konnte, so genannte Ksour oder einzeln Ksar. Diese eindrucksvol-len Bauten, zum Teil restauriert, ins Dorfleben eingebunden, genutzt und ungenutzt, stehen heute auf dem Pro-gramm. Nach einem Disput über das Geben von Trinkgeldern an Kinder, die an einem Ksar herumlungern, diesen öffnen und uns führen wollen, hängt die Stimmung kurzzeitig etwas durch. Auf der Strecke treffen wir nur einmal Touris, einen deutschen Arzt mit seiner Familie, der zur Rallye „Gran Erg“ gehört, die derzeit läuft und der einen Abschlepp-LKW fährt. Der Abend sieht uns nach 66 km wieder in Tataouine, Bernd lässt seine Radhose nähen, kostenlos übrigens, ich erstehe ein par Lederlatschen, da meine Trekkingschuhe etwas zu warm sind.
Am Samstag geht es im Dahar nach Norden über Ghomrassen und den Ksar Haddada, in welchem Szenen zu einem der neuen „STAR WARS“ Teile gedreht wurden und den wir besichtigen. Die Strecke ist karg, erst wellig dann wirklich bergig. Zu Mittag Rast unter einem Olivenbaum nahe Ksar Haddada, es gibt zum ersten und einzi-gen Male etwas vom Kocher. Die Infrastruktur ist so gut, das Kocher und Zelt eigentlich unnötig sind. Anschlie-ßend wird’s nun wirklich bergig, Rampen von bis zu 10% mit 15kg Übergewicht am Rad, Hitze und wenig Wind bis in den Ort Beni Kheddache, in welchem wir bei Cola, Kaffee und Gazellenhörnchen die zweite ausgiebige Pause machen. Noch mal geht es höher hinauf in den Dahar, auf der Höhe treffen wir Touris aus Neuseeland und Australien, anschließend runter in ein Wadi, danach noch 4 km Schotterpiste bis Ksar Hallouf, in dem es ein Hotel geben soll, in welchem wir nächtigen wollen. Zu verbuchen unter dem Punkt „es war einmal“…..
In der Oase gibt es jedoch ein Quasi-Hotel, welches wir beziehen: Früher lebten die Menschen im Dahar zum Teil in Troglodytwohnungen. Es wurde ein großer, senkrechter Schacht in die Erde gegraben, von dem aus die hori-zontal in den Lehm gegrabenen Zimmer abgingen. Kühl im Sommer, wärmer im Winter und zum Teil trotz Unwillen der Regierung immer noch genutzt. Zwischenzeitlich natürlich mit Strom und Wasser versorgt.
In solch einer Kammer, in einen Hang gegraben, nächtigen wir, hinausgehen am besten mit Helm, damit einem kein Schaf oder Esel auf den Kopf fällt. Während wir uns nach rund 70 km unter der mehr tropfenden Dusche zu reinigen versuchen, wird der Sohn des Hause mehrmals in Dorf geschickt, um Zutaten für unser Essen zu kaufen - per Pferd. Abendessen und Frühstück dann in der Oase unter Palmen, beides sehr gut, abends Brique und Couscous, morgens frisches Fladenbrot.
Der Sonntag sieht uns wieder im Dahar, nach einigen Kilometern Nebenstraßen, zum Glück bis auf kurze Aus-nahmen asphaltiert, erreichen wir nach einer relativ ebenen und nicht mehr ganz so kargen Strecke wieder die Hauptstraße. Diese führt uns bergan vorbei an Schafherden nach Toujane, ein Berberdorf, voll auf Touristen ein-gestellt. Teppiche und weitere Dinge, die man gut oder weniger gut gebrauchen kann. Da Mittag ist gibt’s wieder Brique und Couscous, bevor es noch mal mit 10 % bei brütender Hitze und Windstille bergauf geht, bis eine Hochebene erreicht ist. Wir begegnen zwei deutschen Familien in Wohnmobilen, die gekühlte Getränke reichen, bevor wir nachmittags nach rund 70 km in Matmata ankommen. Hier beziehen wir das Hotel „Sidi Idriss“, diesmal ein wirkliches Hotel, Erdloch, versteht sich, mit allen Annehmlichkeiten der Zivilisation.
In diesem wurde ebenfalls für „STAR WARS“ gedreht: Das Hotel war bzw. ist die Wohnhöhle, in der der junge Luke Skywalker bei Onkel und Tante lebte. Auch dies wird voll vermarktet, Busse mit Touris von der Küste bis zum späten Nachmittag. Es erinnerte mich stark an den „Auerbachskeller“ in Leipzig, durch den japanische Tou-risten latschen, um den Tisch zu sehen, aus dem der Teufel für Faust Wein schlug, während man selber dort speist……….
Am Montag soll es durch die Sahara parallel zum Djebel Tebagga zur Oasenstadt Douz gehen. In Matmata unter den Augen der Polizei gegen eine Einbahnstraße, vorbei an einem Luxushotel, in dem die Rallye „Gran Erg“ ge-rade zum Aufbruch rüstet, staunende Blicke der PS-Ritter mit Ihren Geländewagen ob unserer Räder, noch ein letzter Knippen des Dahar, dann liegt die Ebene vor uns. Rückenwind, der Tacho zeigt 35 km/h, großes Blatt vorne, die üblichen Witze „Mach voran, ich habe in Douz für 12 Uhr einen Frisörtermin“. Dann, nach knapp 40 km, ein Schleifen bei mir gefolgt von einem Knall, vorne platt. Reifen runter, der Schlauch hat einen mehrere Zentime-ter langen Riss. Neuer Schlauch, Reifen drauf, nach hundert Metern wieder. Noch mal das selbe Spiel mit glei-chem Ergebnis. Der Reifen hat sich alterbedingt gelängt und hält nicht mehr, gestrandet irgendwo im nirgendwo. Meine Laune ist auf dem Nullpunkt.
Wir geben Zeichen, ein Pick-Up mit Tunesiern hält, das erste Auto, dass wir sehen. Obwohl voll besetz werden Räder, Gepäck und wir auf der Ladefläche untergebracht und es geht nach Douz. Die Touris, die uns auf ihren Zweitagestouren in die Wüste in voll klimatisierten Reisebussen und Jeeps überholen, haben sichtlich ihren Spaß. In Douz kurven wir an mehreren Radhändlern vorbei. Mein Rad benötigt schmale Reifen bis maximal 30mm, den kleinsten den wir finden und kaufen, hat 40mm. Die Tunesier bringen uns noch bis zum Hotel „Saharien“, ein Trinkgeld müssen wir ihnen förmlich aufnötigen.
Im Hotel Bastelarbeiten am Rad, ich nehme einen 37er Reifen von Bernd, er den dicken 40er, ohne Vorderbremse und mit einem hin gefummelten Abstandhalter an der Achse läuft der Renner wieder, entsprechende Tests „Bordstein hoch und runter“ zeigen, dass es geht. Noch mal in die Stadt, vielleicht finde ich eine Bremse, die passt. Das nun gerade nicht, aber in einem Laden mit Rennradsymbol finde ich die vermutlich letzten beiden Rennradreifen in Tunesiens Süden. Nach dem ich das dritte mal an diesem Tage kohlenschwarze Finger habe, kann es Morgen weiter gehen, Freude, große. Eine Flasche des bestechend schlechten tunesischen „Magon“-Weins und ein starker Regenguss am Abend beenden diesen gar liebreizenden Tag.
Am Dienstag führt unser Weg durch Palmenhaine nach Süden bis Zaafrane, dann nach Westen bis nach Bildet, wir befinden uns nun am Schott el Dscherid. Der Himmel ist wie immer bis gegen Mittag bewölkt, die Temperatu-ren ganz angenehm, weites, karges Land. Wenn da nicht der Gegenwind wäre, mit knapp 16 bis 18 km asten wir nach Nordosten zurück, auf Kebili am Rande des Schotts zu. Kurz vor Kebili überholt uns ein schwerer Radlader, in dessen Windschatten fege ich bis nach Kebili hinein, beim Abbiegen blinkt und hupt der Fahrer seinen Ab-schied, auf Bernd warte ich im ersten Kaffee, welches ich sehe. Zu Mittag einen tunesischen Hamburger in einem In-Restaurant, dann kämpfen wir uns durch den Sonnenglast des Nachmittags bis nach Souk Lahad, dem letzten Ort, bevor wir das Schott morgen überqueren.
Wir übernachten nach 75 km im Hotel „Les Dunes“. Als wir ankommen angenehme Ruhe, bis eine auf Sahara-Tour befindliche ukrainische Reisegruppe aus Hammamet aufschlägt. Das gemeinsame Abendessen mit Buffet gewährt interessante Einblicke auf unsere osteuropäischen Nachbarn. Gleiches gilt für das Frühstücksbuffet, welches wir erreichen, nachdem die Ukrainer diese bereits durchgefräst haben.
Mittwochmorgen, es geht über das Schott el Dscherid. Gott sei dank bewölkt und Rückenwind, karge, eindrucks-volle Umgebung. Die Ebene rechts und links der Asphaltstraße ist teils weiß, weißlich-beige oder weiß überpu-dert. Mitten im Schott eine Firma, die Salz abbaut, welches z. T. meterdick unter dem angewehten Sand liegt, darunter salziges Brackwasser. Die Überquerung ist vollkommen risikolos und bevor es wirklich warm wird, errei-chen wir Degache am westlichen Rand des Salzsees. Durch Oasen geht es in den Süden nach Tozeur, wo wir gegen Mittag in der „Residenz Warda“ ein Zimmer nehmen.
Der mit blühenden Sträuchern bestandene Innenhof bietet am Abend ein Spektakel besonderer Art: Zur Dämme-rung fallen hunderte Spatzen in die Sträucher ein, um ihr Nachtlager aufzuschlagen, für eine halbe Stunde versteht man sein eigenes Wort nicht und die Vögel schießen durch die Luft, bis sich alle sortiert haben. Der mor-gendliche Aufbruch der Bande geht zwar unter ähnlichem Lärm, aber deutlich schneller vonstatten. Unser Hotel-herr organisiert uns einen Kumpel mit Pick-Up, der uns am folgenden Donnerstag für kleines Geld zurück an die Küste, nach Gabes, bringt, wo wir im Hotel „Chems“ übernachten.
Von Gabes aus am Freitag zurück nach Djerba, Krampf mit Ansage, da die Karte zeigt, dass während der gesam-ten Strecke mit Gegenwind zu rechnen ist. Noch in Gabes habe ich den nächsten Platten, der letzte Schlauch wird eingebaut. Zum Glück nur ein Durchschlag, der während der Mittagspause nach 45 km in Mareth geflickt wird. Bis hierhin ging’s leidlich, Seitenwind und mehrfache Zwangspausen, da uns einige sehr interessierte Polizisten nach dem woher, wohin und warum fragten. Auf den Besuch des WKII-Museums und ein Foto von Rommels Mütze verzichten wir, in Mareth geht’s links nach Djerba, wieder die Djeffara-Ebene und voll in den Wind, für die nächsten 65 km. Wir kämpfen uns voran, Blick nach unten und das Hirn abgeschaltet, der Tacho zweigt zwischen 13 und 18 km/h. Unterwegs kein Dorf, außer landesüblicher Tankstellen, die Sprit aus Kanistern, Eimern und Tonnen verkaufen. Eine dieser Tanken verkauft glücklicherweise auch Wasser, weil wir trocken gefahren sind.
Gegen 17.00 erreichen wir das Meer und setzen über nach Djerba. In Ajim Abendessen, frisch gegrillter Fisch, dann noch mal los, Kopf runter und die letzten 20 km nach Houmt Souk asten, welches wir gegen 20.00 errei-chen. Unterkunft beziehen wir mitten im Ort, im „Djerba Erriadh“.
Die kommenden drei Tage werden in Houmt Souk verbummelt, eigentlich dachten wir, es wären nur zwei, aber unser Flug wurde von Montagmorgen ziemlich früh auf Montagabend ziemlich spät verlegt, inschallah!


