RTV Lohmar

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Vogesen

Nach der nicht steigerungsfähigen hochalpinen Tour von 2005 haben wir dennoch nicht von den Bergen und nicht von Frankreich lassen können.

Das nahe liegende Ziel sind nun die Vogesen - von einer vor 11 Jahren durchgeführten Tour rein wetterbedingt in sehr unangenehmer Erinnerung! Nun sollten die Vogesen ihre Chance bekommen, sich zu rehabilitieren.
In Anlehnung an die unmittelbar anschließend stattfindende Tour de France geben wir unserem Vorhaben den Namen „Tour des Vosges“. Das Teilnehmerfeld besteht aus den sechs Mann vom RTV Lohmar: Wolfgang Schreiber, Matthias Hompes, Georg Timmering, Dr. Jürgen Schmidt-Troje, Wolfgang Walden und Hans Werner Vits, den drei „Kölnern“ Uwe Becker, Ralf Kuritschenko und Josef Formanns. Im unverzichtbaren Begleitwagen sitzt seit nunmehr 10 Jahren Herbert Topel am Volant.

Nach schwieriger Terminfindung, anschließend zähfließender Korrespondenz mit den französischen Hotels steht letztlich doch noch frühzeitig die Organisation und nach den letzten Einkäufen rollen die zwei Transit-Busse (sponsert by FORD) über die Autobahn in Richtung Straßburg.

Nach Ankunft in dem urigen Hotel mittelalterlichen Ursprungs in Obernai wird aus aktuellem Anlass der erste Programmpunkt geändert. Schließlich ist Fußball-WM und unser Fahrplan hat sich nach den Spielzeiten von Klinsi’s Jungs zu richten. Anstelle des Ausflugs nach Strasbourg gibt es einen Bummel durch das malerische Obernai mit Schwerpunkt „Tischreservierung vor einem TV-Gerät“. Mit entsprechender Euphorie gehen wir nach dem gewonnenen Spiel Deutschland – Schweden in die Nacht vor unseren sportlichen Aktivitäten.

Sonntag, 25.6.2006
1. Etappe Obernai – Obernai 134 km 1487 Höhenmeter

Punkt 9 Uhr – endlich rollt die Tour – endlich beginnen die Straßen, die zuvor nur auf dem Papier abgefah-ren wurden, zu leben. Bewusst sind wir, um dem Autoverkehr zu entgehen, auf Nebenstecken ausgewichen. Dennoch gehört uns heute die Straße nicht allein. Der gleichzeitig stattfindende Marathon de Vignoble d’Alsace kreuzt permanent unsere Route, teils sind Straßen gesperrt, teils dürfen wir mit den Läufern fahren. Zeitverlust, Umwege über außerplanmäßige Berge müssen wir in Kauf nehmen, genießen aber auch einen Hauch von Rennatmosphäre bei den Ortsdurchfahrten. Während wir mit Blick auf den Vogesenkamm den landschaftlichen Reiz des hügeligen Vorlandes aufsaugen, hadert Herbert mit den Umleitungen und steht mit dem Transit zur falschen Zeit am falschen Ort. Die Verabredung bei Saverne wird missverstanden und kurz darauf meldet er sich 10 km weiter aus Lützelburg. Die Flaschen sind trocken gefahren, denn schon die Vormittagstemperaturen lassen erahnen, dass das Thermometer noch weiter steigen wird. Nachtanken und kurz darauf folgt die offizielle Mittagsrast beim technisch interessanten Schiffshebewerk. Gut gesättigt enden nun auch die halbwegs flachen Abschnitte und wir müssen das aus dem Begleitwagen entnommene Essen nun selbst die Berge hinauf transportieren. Der erste Anstieg führt durch Dabo und das letzte Stück steil und erbarmungslos sonnig auf den Rocher de Dabo hinauf. Weithin sichtbar thront eine Kirche auf dem Felskegel, doch die tolle Aussicht von dort ist zeitlich begrenzt, denn ein Gewitter kündigt sich an. Sturzflug hinab auf die Hauptstraße und schon schlägt hinter uns krachend der Blitz ein. Vorsorglich werden Regensachen übergestreift, doch abgesehen von ein paar Tropfen entgehen wir dem Unwetter. Bei dieser Gelegenheit ziehe ich es vor, ein paar Kilometer den Beifahrersitz zu belegen, denn offenbar hat mir die Hitze übermäßig zugesetzt und schließlich möchte ich auch den Rest der Etappe noch zu Ende fahren. Nach 14 km habe ich mich wieder etwas erholt und rolle mich auf der Kuppe des Col de Pandours ein, während das Peloton den Rest des Col de Valsberg, eine schöne Abfahrt und den Aufstieg zu diesem Pass bewältigt hat. Es folgt eine lange Abfahrt durch die Wälder bis hinunter nach Ober- und Niederhaslach. Irgendwie entwickelt sich eine Dynamik im Vorderfeld und es wird nicht bemerkt, dass Georg und Wolfgang S. des Anschluss verpasst haben. Nicht einmal bei einem Stopp im Tal am Begleitwagen – berechtigter Grund zur späteren Beschwerde! Vor dem nächsten Anstieg nach Mollkirch bemerken wir den Verlust und auf der Suche nach den Versprengten fährt Wolfgang Walden zu allem Überfluss noch auf die Autobahn. Unter drückender Hitze werden die schmerzhaften Schlussanstiege genommen und endlich rollt das Feld nach Obernai ein.
Die verbrannten Kalorien werden abends mit Pasta und Pizza erneuert, wobei Uwe Becker nach seiner zweiten Portion zur Beschleunigung des Speisevorgangs eine „10-er Gabel“ vorgeschlagen wird.

Montag, 26.6.2006
2. Etappe Obernai – Gérardmer    117 km 1550 Höhenmeter

„Hoffentlich kommen wir überhaupt aus der Stadt, überall sind Security-Leute vor dem Hotel!“ wirft Herbert beim  Frühstück ein. Nach späterer Prüfung der Lage sind mangelhafte Französisch-Kenntnisse die Ursache für die Verunsicherung. Mit „Securité Ecole“ beschriftete Schülerlotsen helfen lediglich den Kindern über die Straße. Für mehrere Tage verlassen wir jetzt Obernai und rollen auf der Route de Vin in Richtung Süden. Überall künden Sperren und Hinweisschilder von der bald hier passierenden Tour de France. Dadurch entsteht auch unser kleiner unfreiwilliger Abstecher in das nette Örtchen Andlau. Fortan steigt die Straße sozusagen auf den Fuß der Vogesen an, wobei auch im weiteren hügeligen Verlauf der Weinstraße, um bei dem bildlichen Vergleich zu bleiben, sämtliche Zehen überfahren werden. Vom ersten kleinen Pass rollte das Peloton sauber aufgereiht in Richtung Sélestat. Mit einem Plattfuß am Hinderrad gibt uns Wolfgang S. Gelegenheit, das Aussicht auf die Haut-Koenigsburg ausgiebig zu genießen. Zauberhafte Winzer-orte werden durchquert, allen voran Ribeauvillé, dem wir eine Stadtrundfahrt widmen. Kurz darauf haben wir uns die Mittagsrast verdient und vor dem Panorama des historischen, auf einer Kuppe liegenden Zellenberg speisen wir im Schatten eines mächtigen Baumes. Wenig später biegen wir in das für den Käse berühmte Munstertal ein. Unrhythmisch und stufenförmig verlaufen die ersten Kilometer des allmählichen Anstiegs zum Col de la Schlucht. Erst als die Orte Munster und Soultzeren passiert sind, beginnt der eigentliche Aufstieg zum Pass. Nun geht es mit absolut konstantem Steigungswinkel durch die Wälder bis zum Vogesenkamm. Jetzt ist nur noch Ausdauer gefragt! Gleichmäßig stampfen kleine Gruppen dem 1159 m hohen Col entgegen. Ein wenig dramatisch wird die Landschaft erst kurz vor dem Höhepunkt: Ein felsiger Tunnel, links die Schlucht, vor uns die Herbergen an der Kreuzung mit der Route des Crêtes. Mit Bananenverspeisen, Anlegen winddichter Jacken oder Massage brennender Füße vertreiben wir uns die Zeit, bis das Peloton wieder vollzählig ist. In wenigen Minuten verlieren wir wieder etliche hundert Höhenmeter, müssen auf der breiten Straße noch einige Wellen überwinden und landen in Gérardmer. Etwas zu früh abgebogen fragen wir uns bis zum Hotel durch und sind vor Herbert am Ziel. Zimmer 211 – so der Hinweis der Chefin – war 2005 von Lance Armstrong belegt; diesmal erhält Georg Timmering den Schlüssel als Auszeichnung für seine starken Auftritte am Berg. Einen langen Marsch durch das industriell geprägte Gérardmer bis hin zum See müssen wir überstehen, um ein äquivalentes Restaurant zu finden. Schnell verständigen wir uns auf eine Pizzeria, doch die Speisekarte lässt jegliches Pastagericht vermissen. Pizza ist auch okay, allerdings muss der letzte Tisch warten, bis die Ersten ihre Teller wieder abgeben. Ein Glück, dass ich am ersten Tisch Platz genommen habe!

Dienstag, 27.6.2006
3. Etappe Gérardmer – Cernay    120 km 1935 Höhenmeter

Der erste Regen unserer Tour verzögert die Abfahrt – um halb zehn ist der Gewitterschauer abgezogen und in Regenkluft gehüllt schützen wir unsere empfindliche Haut vor dem Spritzwasser. Bereits nach 5 km werfe ich meine Regenjacke in das Auto und stiefele erleichtert mit Blick auf den Lac de Gérardmer den Col de Haut de la Côte hinauf. Die Straße ist bereits fast trocken, als wir die Kletterpartie unmittelbar wiederholen und nun zum Col de Grosse Pierre  in fast 1000 m Höhe hinauffahren. Dem Wintersportort La Bresse  folgt eine lange Steigung zum Col de Brammont, womit die Passagen zum Tal des Fôret de Cornimont für das Erste erledigt wären. Serpentinen führen uns zum Lac Wildenstein hinunter, einen kleinen Stausee, den wir morgen aus luftiger Höhe von 1200 m wieder sehen werden. An der Nationalstr. 66 erreichen wir die Talsohle, stärken und noch mit einem kleinen Happen, füllen die Flaschen und erklimmen den vierten Pass. Die Verbindung Moulhouse – Epinal ist stark von Lastwagen frequentiert, die aber alle mit entsprechendem Respekt den Radlern begegnen, die sich ebenso wie der Schwerlastverkehr über den Col de Bussang quälen. Die Steigung ist allerdings moderat und Ausdauer ist am dritten Tag schon Routine. Wenige Meter hinter der Wasserscheide schlagen wir unser Basislager für die Mittagsrast unmittelbar an der Moselquelle auf. Aus dem ummauerten Hang plätschert das Wasser in ein Becken, folgt einem künstlich angelegten Bachlauf über einen Platz und verschwindet im Gebüsch. Das kühle Bergwasser bietet uns eine willkommene Erfrischung, denn jetzt soll es richtig heiß werden. Acht Kilometer weiter geben wir unsere Helme in Herberts Obhut und beginnen den steilen Aufstieg zum Ballon d’Alsace. In engen Kurven passie-ren wir die letzten Häuser und sind nun mit der Sonne allein. Die Wälder im mittleren Bereich des Berges beschatten die Straße nicht. Hier beobachten wir erstmals das Phänomen der von uns später so genannten „Ballon-Fliegen“. In einer Höhe von 750m bis 1050m stürzen sich  etwa 80 stubenfliegenähnliche Insekten auf jeden Radler, umschwirren das geschwitzte Haupt, krabbeln in die Brille und über die Arme. Eine Ab-lenkung von der Anstrengung – allerdings unwillkommen! An der baumlosen Kuppe scheint das Ziel erreicht, doch die Steigung ist genauso erbarmungslos wie die brennende Sonne. Endlich auf dem Col du Ballon angekommen, stürme ich den Kiosk, um mir die Cola, von der ich die letzten 5 km geträumt habe, zu kaufen. Die junge Frau meint allen Ernstes, ob ich kein Bier haben will?!  Eine geniale Abfahrt, die über eine Viertelstunde Turnübungen auf dem Rad abverlangt, führt uns nun in das Hochtal  des Flüsschens Sewen. Die Gruppe rollt geschlossen bis Masevaux, wo Jürgen am steilsten Stück der Route Joffre seinen Reifen entleert. Der Reparatur folgt der gemeine und hinterhältige Col du Hundsruck, der schon bewältigt zu sein scheint, dann aber noch einmal mit etlichen Steigungskilometern aufwartet. Nicht umsonst musste Udo Bölts hier 1997 seinem Kapitän „Quäl dich, du Sau!“ zurufen. Wir kommen ohne derart unflätige Anspornungen über den Pass. Letzter Lichtblick der heutigen Tour ist die Talfahrt, dann jedoch erwartet uns chaotischer Verkehr, der in Richtung Moulhouse immer unerträglicher wird. In Cernay finden wir unser Hotel, hängen auf Geheiß des Chefs die Räder in der Garage auf, bis unter dem Leichtgewicht unserer Rennmaschinen die ganze Konstruktion zusammenbricht. Verzweifelt wird versucht, die kostbaren Stücke unversehrt zu bergen und auf herkömmliche Weise risikolos an der Garagenwand zu parken. Etwas un-koordiniert verläuft der Abend, denn obwohl in der nahen Pizzeria noch Plätze reserviert sind, bleibt ein Teil der Gruppe im Hotel zurück. An Nachtruhe ist kaum zu denken, denn Frankreich hat (in diesem Fall „leider“) Brasilien besiegt. Sofort nach Spielende werden alle verfügbaren Autos rausgeholt und es wird gehupt, was das Zeug hält. Als sich die Stimmung gegen zwei Uhr beruhigt hat, wird der Lärm durch ein Gewitter abgelöst, dass mit gewaltigen Donnerschlägen unüberhörbar ist.

Mittwoch, 28.6.2006
4. Etappe Cernay – Riquewihr    95 km     1630 Höhenmeter

Drei Kilometer bleiben zum Einrollen, dann kündet der Straßenname „Rue du Ballon“ in Uffholtz von der ersten Steigung. Hier verlassen wir auch für die nächsten 70 km die letzte Ortschaft. Die Auffahrt mutet zunächst an wie eine Route durch den Tropenwald. Rundum vom Grün der Buchenmischwälder zugewachsen zieht sich das Asphaltband durch drückend schwüle Schwaden zunächst zum Col du Silberloch hinauf. Ob Schweiß oder Niederschlag der feuchten Luft durch das Gesicht rinnt, ist nicht zu belegen. Nach der ersten Stunde sind wir am „Vieille Armand“, einem der größten Soldatenfriedhöfe des 1. Weltkriegs angelangt. Die gewonnenen Höhenmeter verlieren wir zum Teil wieder, um vom Col Amic den endgültigen Anstieg zum Grand Ballon, der nun mit seiner mächtigen kahlen Kuppe vor uns liegt, anzupacken. Längst ist die Gruppenformation aufgelöst, denn allein durch die Abfahrt und den sofortigen steilen Einstieg in die Ballon-Steigung arbeitet nur fast jeder für sich allein. Das geht geraume Zeit so, immer wieder schweift der Blick hinüber zum Massiv des Ballon-d’Alsace, der heute mit eine Wolke gekrönt ist. Dann wieder versucht man, das Ziel am Gipfel des Grand Ballon auszumachen; es lässt sich aber nur erahnen, so dass wir uns weiter auf dem Asphaltstrang zwischen den blumenreichen Wiesen hinaufarbeiten. Bei 1338m haben wir die Wolken erreicht, die über die Kuppe des Großen Belchen hinwegwehen. Gut 1000 Meter haben wir nun unsere leichten Räder mit den ungleich schwereren Körpern hinaufgewuchtet. Nach Rundblick rollen wir auf der Route des Crêtes wieder bergab und beenden die Ballonfahrt. Allerdings nur ein kurzes Stück, denn die Höhenstraße bleibt ständig auf dem Niveau zwischen etwa 1100 und 1200 m ü.N.N. Entsprechend frisch geht es deshalb auf den nächsten Kilometern zu. Tolle Panoramen bieten sich beiderseits des Vogesenkammes. In ständigen Wellen verläuft die Straße an den Skistationen entlang, die die höchstgelegenen Hänge der Ballonregion prägen. Entsprechend ausgepowert nehmen wir nun unser Mittagsmahl nahe des Rainkopfes ein. In der benachbarten Gaststätte, die zum Toilettengang durchquert werden muss, werden Touristen mit Elsässer Schlachtplatten abgefertigt, was von einer übel aufdringlichen Dunstwolke von Sau-erkraut und gedünstetem Schweinefleisch begleitet wird. Minuten später ziehen wir wieder pure Bergluft in die Lungen, rollen über den bereits bekannten Col de la Schlucht diesmal in Richtung Norden in die Wälder um den Gazon du Faing. Am Himmel braut sich etwas zusammen und es beginnt zu tröpfeln. Gerade noch erreichen wir den Gasthof am Col du Calvaire und nutzen den Unterschlupf vor dem vermeintlichen Schauer. Bei heißer Schokolade warten wir vergeblich auf das Nachlassen des Regens und entscheiden dann zur Abfahrt zu starten. Den Lac Blanc nehmen wir dabei nur aus den Augenwinkeln wahr, denn stetig müssen wir die Bremsen bedienen und uns voll auf die nasse Fahrbahn konzentrieren. Schwarz vom Bremsabrieb, nass und dreckig erreichen wir nach inzwischen 71 km mit Orbey den ersten Ort seit heute morgen. Inzwischen ist es wieder abgetrocknet und im Formationsflug nehmen wir das Tal Richtung Kayserberg unter die Räder. Dort lässt erneut Wolfgang S. die Luft aus seinem Hinterrad – Ursache ist, wie wohl schon beim ersten Platten, ein defektes Felgenband am neuen Rad! Wenig später entschließt sich Jupp, auf dem letz-ten Stück auch noch mal den Schlauch zu wechseln. Die Altstadt von Kayserberg durchradeln wir langsam und auch im nahen Kientzheim lohnt das Verlassen der Hauptstraße für eine Ortsbesichtigung. Als Höhepunkt in Sachen Mittelalter habe ich der Gruppe unseren Hotelort Riquewihr bis zum Schluss aufgehoben. Inmitten der engen Gassen liegt unser Hotel St. Nicolas. Da der mittelalterliche Brunnen im Innenhof kein Wasser mehr führt, waschen wir unsere Räder mit Hilfe der Trinkflaschen und sorgen für Glanz am nächsten Morgen. Dabei stellt Wolfgang Walden fest, dass seine Sattelhalterung gebrochen ist – eine Denksport-aufgabe für die Ingenieure, die am Morgen gelöst werden soll. Nach einem Rundgang entscheiden wir uns, dass Abendessen zur großen Freude des Hoteliers im Hause einzunehmen.

Donnerstag, 29.6.2006
5. Etappe Riquewihr – Saint Quirin 118 km    1815 Höhenmeter

Für den Sattel ist eine Lösung gefunden, die Position leicht verändert und er ist wieder funktionstüchtig. Doch Wolfgang befriedigt die Lösung nicht und er beschließt, im Begleitwagen im nahen Ribeauvillé das Fahrradgeschäft aufzusuchen, während wir über das Kopfsteinpflaster durch den Ort hinunterhoppeln, im Nachbarort den Begleitwagen passieren, um uns dann am Col de Haut Ribeauvillé zu schaffen zu machen. Ein nicht ganz angenehmes und langwieriges Unterfangen, denn immerhin geht es auf 742m teilweise steil hinauf. Der Begleitwagen fehlt und so fahren wir ohne Jacke nach Saint-Marie-aux-Mines hinunter. Dort klingeln wir bei Herbert an, denn allmählich leeren sich auch die Trinkflaschen. Leider müssen wir erfahren, dass er von Wolfgang in entgegengesetzte Richtung nach Colmar entführt worden ist. Dort wird das Rad wieder wunschgemäß mit entsprechender Sitzgelegenheit konfektioniert und Herbert nimmt unsere Verfol-gung auf. Inzwischen haben wir auch den viel befahrenen Col de Saint Marie mit seiner 10 %-igen Steigung (erneut 772 m hoch) überrollt und die Stimmung wird nach Essens- und Trinkensentzug leicht gereizt. Kur-zerhand beschließen wir, am Ende des Tales in Betrimoutier in einem Dorfgasthaus eine Mittagspause einzulegen. Zwar ist es noch etwas früh, aber als ich Madame die hungrigen Kameraden zeige, erklärt sie sich spontan bereit, eine große Portion Spagetti zu kochen. Zu den vollen Tellern stellt sie noch eine Rie-senschüssel zum Nachschlag auf den Tisch. Damit reichen die Portionen auch für die beiden Nachzügler, die uns hier wieder einholen. Derart gestärkt können wir nun die nächsten Pässe in Angriff nehmen. Über ein Nebensträßchen geht es durch den Wald auf den Col de Hermanpaire, über weitere ruhige Wege mit stetigem Auf und Ab hinunter nach Senones. Wir folgen nun, wieder sauber in Reihe fahrend, dem Verlauf des Bächleins Rabodeau. Die letzten Autos zweigen in Moussey ab, dann sind wir fast allein mit der Natur. Nur ein schmaler Asphaltstreifen  zieht sich nun den Hang empor, tut dies aber ohne Unterlass. Unerwartet lang geht es etliche hundert Höhenmeter hinauf, bis wir den Wald verlassen und auf einer Lichtung die Passhöhe des Col de Prayé liegt. Schon wieder haben wir die 700-Meter-Region überschritten und es ist nicht mehr weit zum Col du Donon. Ein kurzer Regenschauer überrascht uns, dann erreichen wir den Donon, den markanten, felsigen Berg in den nördlichen Vogesen. Der Aufenthalt ist kurz, denn aus dem Talkessel von Schirmeck her kommt ein Gewitter angepoltert. So verlassen wir den Höhenzug nach der westlichen Seite, müssen noch ein wenig klettern, können dann aber das lange Gefälle an der Roten Saar entlang rollen. Auf der anfangs sehr kurvigen Straße zerreißt das Fahrerfeld beim Überholen eines Holzlasters. Immer nur 2-3 Mann schaffen es bis zur nächsten Kurve und als Letzter muss ich warten, bis die Ge-genfahrbahn wieder frei ist. Da ist der Zug schon abgefahren und versuche vergeblich, wieder Anschluss zu finden. „Ohne Karte finden die ohnehin nicht weiter“, denke ich und nehme allmählich die Beine wieder hoch. Am nächsten Abzweig bewahrheitet sich meine Vermutung und die Gruppe steht dort zur Weiterfahrt bereit. Der letzte Berg wird geschenkt und gerne sind alle bereit, 3 km mehr zu fahren um 130 Höhenmeter einzusparen. Dafür wird jetzt Tempo gemacht und der Zielort Saint Quirin Punkt 17 Uhr erreicht. Die Wirtin hat sich etwas Besonderes für uns einfallen lassen und vom Schweinefuß über totes Kaninchen nebst undefinierbarer Zwischengänge wartet sie mit diversen (schmackhaften) Überraschungen der lothringischen Küche auf. Elsässer Wein möchte sie uns auf dieser Vogesenseite nicht kredenzen – obwohl der wohl bes-ser geschmeckt hätte!

Freitag, 30.6.2006
6. Etappe Saint Quirin – Obernai 82 km 1350 Höhenmeter

Die Rechenaufgabe, die ich von meinen Kameraden zur Streckenverkürzung aufbekommen habe, ist gelöst. Um 17 Uhr spielt Deutschland : Argentinien und da möchte man geduscht und gestylt vor dem Fernseher sitzen. Als Problemlösung werden 20 km lothringische Straßen aus dem Programm genommen und direkt Kurs auf den Col du Donon genommen. Das Tal der Weißen Saar erlaubt zunächst in geschlossenem Peloton zu fahren, an der Quelle wird es wieder steiler und die Lohmarer Radler werden wieder aufgebröselt den Gipfel des Donon erreichen. Der Abfahrt nach Schirmeck folgen 13 km zum Abhaken – eine nicht zu umgehende Hauptverbindung nach Saint Die, mit Schwerlastverkehr stark befahren. In Saint Blaise ist es überstanden und wir fahren ein Seitental zum Col du Steige hinauf. Uwe kann das Tempo nicht mehr mitgehen und lässt abreißen. Dennoch fahren wir direkt in die nächste Steigung weiter, kämpfen mit der Hitze und den „Ballonfliegen“. Manchmal öffnet sich ein Ausblick bis zum Rheintal. Die nachlassende Steigung lässt oft die nahe Passhöhe erahnen, doch dann geht es immer weiter hinauf. Auf dem Col de la Charbonnière hat Herbert den Speisewagen im Schatten geparkt und in fast 1000 m Höhe haben wir uns ein Mittagessen schwer erarbeitet. Die an Kilometern ärmere Strecke weist aber dennoch die geplanten Höhenmeter auf und deshalb ist der Höhepunkt noch nicht erreicht. Vor der Weiterfahrt befreit Matthias noch kurzerhand seinen Reifen von der alten Luft, um einen neuen Pneu jetzt mit dünner Vogesenluft zu befüllen. Dann trampeln wir noch mal 140 m hinauf, um das Dach der Nordvogesen, den Champ du Feu mit seinem schiefen Aussichtsturm zu erklimmen. Fortan verlieren wir an Höhe, was teilweise so schnell geht, dass wir den Abzweig nach Le Hohwald verpassen. Mit siebzig Sachen geht es durch Rothlach und wir verlieren ungewöhnlich viel an Höhe. Das passt nicht in das geplante Streckenprofil, die wie besessen fahrende Meute ist aber nicht zu stoppen. Unten angekommen zeigt ein Abgleich mit der Karte, dass wir 400 Meter zu tief sind. Jetzt noch mal hinaufzuklettern kann ich niemanden mehr motivieren, zumal bereits zwei Abtrünnige voraus den Schildern Obernai gefolgt sind. So ist uns der eigentliche Höhepunkt der Etappe, der unvergleichliche Ausblick vom Odilienberg, entgangen. Ein paar Ecken weiter sind wir am Hotel, dem Ausgangspunkt unserer Rundfahrt, angelangt. Den starken Wunsch, noch mal alleine auf den Mont St. Odile zu fahren, verwerfe ich schließlich. Die Tour ist vorbei! Nach rund 670 km und etwa 10.000 Höhenmetern stellen wir die Räder in den Keller. Pünktlich sitzen wir am reservierten Tisch. Die Leistung der Deutschen Nationalmannschaft stimmt wieder versöhnlich.

Dagegen blamiert sich die Elite der Radprofis, die wir beim Prolog in Straßburg besuchen wollen. Der Dopingskandal dezimiert das Fahrerfeld und fast alle Favoriten fehlen. Dennoch reisen wir im vollen Zug in die nahe Metropole, erleben eine tolle Stimmung rund um die Rennstrecke und im Fahrerlager. In der Menge verlieren wir Jupp, der wohl etwas die Zeit vergessen hat und nur im Dauerlauf erreicht er in letzter Sekunde den Zug nach Obernai.

Die Vogesen waren uns diesmal gut gesonnen, haben uns übermäßig mit der Sonne verwöhnt, ein paar Mal abgeduscht, und viel von ihrer landschaftlichen Schönheit offenbart. Interessante Etappenorte mit Hotels zum Wohlfühlen, eine gute Clique und ein thematisch passendes Schlussprogramm in Straßburg zur Abrundung einer gelungenen Tour.

Lohmar, im August 2006 Hans Werner Vits
 

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